Julia Collard & Sven Schnitzler
Von “Setzen, sechs” zur Fehlerkultur?

Von “Setzen, sechs” zur Fehlerkultur?

Immer wieder sprechen wir über die Notwendigkeit einer Fehlerkultur in Unternehmen, doch was verstehen wir eigentlich darunter? Meinen wir wirklich Fehler, die durch menschliche Hand entstehen können?  Soll wirklich etwas falsch laufen? Oder wollen wir durch eine “Einführung” Mitarbeiter motivieren auch einmal mehr zu wagen? Wer sagt uns, wann wir einen Fehler gemacht haben? Riskieren wir dadurch nicht mehr, als wenn es einfach klare Regeln geben würde? Wer wiederum entscheidet, was unumstößlich und richtig ist?

“Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt. “

So die vermeintlich einfache Einleitung in die Definition von “Kultur” in Wikipedia. Das hört sich zunächst völlig positiv an.       

Fehler sind aber in unsere Gesellschaft von Beginn an negativ besetzt.

Und jetzt sollen beide Dinge zusammengebracht werden, um “mehr” zu erreichen?

Wie lernen wir, was ein Fehler ist?

Dabei beginnt das offensichtliche Beurteilen von falsch und richtig mit den ersten Erziehungsmaßnahmen. Wir lassen unsere Kinder nicht auf die heiße Herdplatte fassen, damit sie merken, ob das falsch oder richtig ist. Wir wissen um diesen Fehler und haben darum Regeln. In der Grundschule gibt es bunte Stempel für das Null Fehler Diktat, später ein Sehr gut für die Null Fehler Mathearbeit. Eine Ehrenurkunde für den perfekten Absprung auf und nicht neben der Linie an der Sandgrube und ins Team gewählt wird, wer Tore schießt. “Nicht aus der Reihe tanzen” – darauf ist unser gesamtes Bildungssystem ausgelegt. Die langsamen Gehversuche Richtung Inklusion zeigen ja, wie schwierig es ist, Menschen mit vermeintlichen “Fehlern” nicht frühzeitig aus dem System auszusortieren. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen an ihren Leistungen und Erfolgen gemessen und für ihre Niederlagen verurteilt werden.

Und jetzt sollen wir – im fortgeschrittenen Alter und nach all dieser Prägung – plötzlich Fehler machen, uns entfalten und uns ausprobieren.

Fehler im Job

Wenn wir von Fehlern im Arbeitskontext sprechen, meinen wir meistens menschliche Fehler. Der Kollege X hat wieder vergessen etwas abzuspeichern, die Kollegin Y hat die falsche Rechnung verschickt und Kollege Z hat eine Deadline vergessen. Das alles sind klassische “Fehler”. Man wird vermutlich sagen, dass es auf den ersten Blick nicht schlimm ist – diese „Fehlerchen“ passieren doch täglich im daily business. Genau, auf den ersten Blick sind das keine großen Fehler. Aber es sind ebene die, die nicht passieren sollten, weil sie

  1. das Unternehmen kein Stück weiterbringen,
  2. aus Unachtsamkeit resultieren und aufgrund unsere Erahrungsert vermieden hätten werden können,
  3. sie sind schädlich für das Geschäft. Wenn eine Datei nicht abgespeichert wird und man keinen Zugriff mehr auf die Daten hat, ist dies unternehmensschädlich. Wenn eine Deadline für ein großes Projekt nicht eingehalten wird und dadurch Kosten für Zulieferer und Kunden entstehen, ist dies ebenfalls schädlich.

Was also meinen wir dann mit einer Fehlerkultur?

Und noch ein Einwand: Darf/muss sie in jeder Branche existieren?

Wenn ein Chirurg in der OP am offenen Herzen einen Fehler macht, in seiner ganzen Laufbahn ist ihm aber sonst noch nie ein Fehler unterlaufen – sagen wir dann auch “kann passieren – weitermachen”? Das Beispiel mag für den ein oder anderen makaber oder nicht geeignet sein. Wir meinen: doch!

Genau solche Beispiele zeigen, dass neues Arbeiten nicht wahllos Buzzwords und neue Methoden zum Postulat erhaben darf, um dann zu glauben, eine neue Unternehmenskultur geschaffen zu haben. Einfach mal eine Fehlerkultur auszurufen ist genauso sinnlos wie das Aufstellen des Tischkickers: es ändert nichts an den grundlegenden Einstellungen.

Wenn im Unternehmen die Führungsriege wechselt, das Kind des Chef übernimmt das Sagen, hat keine Ahnung vom Management aber ist dafür gut im Geld ausgeben. Spielt gegen alle Regeln und investiert in Märkte, die nicht zum Unternehmen passen. Ein Team, dass es besser weiß, Ratschläge dagegen, aber es soll einfach mal alles mutig anders gemacht werden. Ein Jahr später Insolvenz. 200 Mitarbeiter verlieren ihren Job und stehen auf der Straße, Existenzsicherung verloren…

In dem Moment ist auch der Unternehmer Chirurg mit Verantwortung für Menschenleben. Zugegeben, hier haben wir gerade zwei extreme Beispiele überspitzt.

Testumgebung & Innovationskultur

Aber nicht umsonst leisten sich Konzerne Think Tanks, Inkubatoren oder Labs, in denen sie neue Techniken, neue Arbeitsmethoden und Innovationen testen. Geschützte Räume, die Fehler erlauben ohne Wirkung auf das Gesamtunternehmen. Ist das besser, als die OP am lebenden Objekt? Arbeiten dann in diesen Keimzellen Versuchskaninchen und weiße Mäuse? Nicht ganz so extrem vielleicht, aber es zeigt, wie vorsichtig wir mit dieser Fehlerkultur umgehen (müssen). Allerdings hilft die Testumgebung nur bedingt weiter, denn der Schritt vom Labor in die reale Arbeitswelt kann nicht völlig ohne Risiko ablaufen – irgendwann müssen Mut und die Möglichkeit des Scheiterns kalkuliert werden, um Erfolg und Fortschritt zu ermöglichen.

Mal ganz abgesehen davon, dass sich das mittelständische Unternehmen einen Think Tank aus Ressourcenmangel gar nicht leisten kann – es dauert oft vielleicht auch zu lange, jedes neue Projekte erst zu perfektionieren, bis es auf dem Markt und am Kunden getestet werden kann. Die Digitalisierung zwingt uns auch aufgrund der Geschwindigkeit und der Komplexität zu Fehlern. Sie zwingt uns, uns zu irren und risikoaffiner zu werden – sonst würden keine finanziellen Mittel für die nötige Ausstattung, Optimierung, Ressourcen usw. freigeben.

Fehler, Irrtum, Scheitern, Misserfolg, Lapsus…

Wir wollen uns nicht in sprachlichen Kleinheiten verlieren – erstaunlicherweise gehen wir aber mit unsere eigenen Sprach da oft FALSCH um – wir verwenden die vielen möglichen Begriffe alle synonym – sogar mit “Genehmigung” durch den Duden.

In einer Fremdsprache lernen wir Feinheiten zwischen Begriffen oft besser kennen – denn im Englischen zum Beispiel wissen wir vielleicht, dass Mistake der Fehler ist (obwohl man es besser wissen müsste) und Error der Fehler aus Unwissen…

Wir müssen genau hinschauen, was wir zulassen und was damit erreicht werden soll. Fehlerkultur bedeutet nicht, dass viel falsch läuft und es bedeutet auf keinen Fall einen Freifahrtschein für Blindheit, Schusseligkeit, mangelnde Absprache und fehlende Vorbereitung. Sie fordert Mut, Neues auszuprobieren und das Risiko in Kauf zu nehmen, zu scheitern. Aber unter Beachtung erprobter und Prozesse. Man muss den gleichen Fehler keinesfalls mehrmals machen. Dann tritt man auch auf der Stelle. Und sie fordert das Auseinandersetzen mit den Konsequenzen von Irrtümern – zeitlich, finanziell, organisatorisch. In der Interpretation eines negativen Ereignisses liegt der Schlüssel, um zufrieden damit weiterleben zu können, um daraus zu lernen und neue Versuche zu entwickeln.  Teams müssen wissen, was passiert, wenn sie scheitern, damit eine vertrauensvolle Umgebung entsteht. Quasi eine etablierte Laborumgebung.

Lernen, es richtig zu machen?

Was wir doch eigentlich brauchen ist eine Lernkultur – beim Lernen macht man Fehler, übt, trainiert und versucht sich zu verbessern. Dabei erfindet man für sich neue Prozesse und Arbeitswege. Genau aus diesem Grund macht übrigens eine KI genau so viele Fehler, wie wir selbst – denn sie wurde ja von Menschen entwickelt und durch uns trainiert. Sie acht eins nicht: Flüchtigkeitsfehler aus Unachtsamkeit. Das kann sie nicht. Aber sie lernt auch nur im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten.

Das ist unsere Chance. Wir können lernen auf neuen Wegen, “Out of the Box”, kreativ, Prozesse grundlegend umgestalten, verwerfen, neu erfinden. Im Vertrauen darauf, dass wir das im Sinne des Unternehmens und des Erfolgs dürfen.

Und damit wäre das unser Wunsch für Unternehmen: Eine Lernkultur, die Zeit gibt eigene Lernmuster und -verhalten auszuprobieren. Damit wir etwas Neues gestaltend hervorbringen: unsere Unternehmenskultur.

PS: Leider hilft uns werde bei Lern- noch bei Unternehmenskultur irgendeine Definition so richtig weiter – da werden wir wohl jeder für uns individuell und dauerhaft  dran arbeiten müssen…

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