Julia Collard & Sven Schnitzler
Raus aus der Komfortzone – bitte nicht!

Raus aus der Komfortzone – bitte nicht!

Wir sollen uns alle aus unserer Komfortzone rausbewegen, sonst werden wir irgendwann durch Roboter ersetzt.

Aha. Ist das so?

Vielleicht sollte man über das Thema nicht nachdenken, während es draußen gerade seit 10 Tagen nieselt, grau ist und nichts, aber auch gar nichts uns vor die Tür locken kann. Der Kamin knistert (ja, wir wissen, er verursacht Feinstaub), wir daddeln uns durch sämtliche Social Media Profile von Freunden und solchen, von denen wir es zumindest laut Kontaktliste sind und das alles halb liegend auf der Couch.

Kein Stück möchten wir da aktuell aus unserer Komfortzone raus.

Und ganz ehrlich: ähnlich geht es uns doch oft auch im Job. Wenn man sich an die neue Softwareversion gewöhnt hat, möchte man sich nicht schon wieder in die nächste einarbeiten, wenn wir glauben zu wissen wie welcher Kollege tickt, brauchen wir kein anderes Team und wenn wir abschätzen können, welches die stauungefährlichste Fahrzeit oder der leerste Zug ist, dann müssen wir keinen neuen Arbeitsweg erkunden.

Warum also raus aus der Komfortzone?

Weil wir sonst nichts Neues lernen, nicht nachdenken, uns nicht anstrengen.

In der Freizeit fällt uns das oft leichter. Obwohl – über die kleinen Schritte raus aus dem Trott traut man sich ja schon kaum mehr zu berichten. Denn da hat eben wieder jemand den Ärmelkanal durchschwommen, Jugendliche segeln alleine über die Weltmeere und Astro Alex grüßt aus dem Weltall. Wie sollen wir uns denn da merklich aus der Komfortzone rausbewegen? Der eine Kilometer, den wir mehr gelaufen sind, fällt doch unter 5000 Instarun-Pics keinem auf? Dass wir eine wichtige Präsentation gehalten haben – für andere total normal. Nochmal an einen bestimmten Ort zurückgekehrt – stell Dich doch bitte nicht so an!

Was ist das überhaupt – diese Komfortzone?

Ein absolut individuelles Gebilde, das wir vielleicht für uns selbst erst einmal erkunden müssen. Der Arbeitsplatz, die Twitterbubble, der Freundeskreis, die eigenen 4 Wände…

Denn zu wissen, wo genau die eigenen Grenzen liegen, macht es ja erst möglich, sie zu überschreiten – wenn wir es wollen. Und dann müssen wir gleichzeitig einschätzen können, wie weit wir denn raus können. Denn wo vielleicht für den einen die Zone des Lernens anfängt, bekommt der andere schon Panik, eine Dritte fühlt sich immer noch wie auf der Couch.

Dieses „beweg Dich doch mal aus Deiner Komfortzone“ kann also niemand außer uns selbst steuern und bewerten. Zehn Jahre im gleichen Job, keinmal umgezogen, Haus, Garten – langweilig? Oder nur nicht laut genug getrommelt für das, was man unterwegs geleistet hat? Wirklich immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen?

Wir haben uns in unserem Leben oft bewegen müssen, vermutlich würde man auch behaupten können, dass wir dabei unsere Komfortzone verlassen haben. Aber nicht immer hätten wir das gewollt und gebraucht und sicher kann man auch eine Menge lernen ohne den Bungee-Sprung gewagt zu haben. Je mehr Erfahrung wir mit diesem plötzlichen, ungeplanten Verlassen der üblichen Gewohnheiten haben, desto mehr Respekt haben wir auch davor. Und lassen es dann sein, wenn wir es selbst in der Hand haben. Es passiert doch eh schon genug…

Dreht den Spieß doch einfach mal um!

Wir finden etwas anderes daher mindestens genauso wichtig:

Wenn wir doch wissen, in welchem Umfeld wir uns sicher bewegen, was uns Spaß macht, uns liegt und worin wir gut sind, dann lasst doch einfach mal Menschen in Eure Komfortzone rein! Auch das bewegt eine Menge. Denn Euer Tanzbereich ist vielleicht für andere ganz spannend und absolutes Neuland.

Unser Umfeld ist und bleibt turbulent. Technik entwickelt sich immer weiter, Informationen fließen schneller, Kommunikation verändert sich. Wenn wir uns jetzt plötzlich auch noch alle aus unseren Komfortzonen raus bewegen, landen wir ziemlich schnell im Chaos. Sinnvoller ist, dass wir uns gegenseitig in unsere Fachgebiete, in unser Spezialwissen reinschauen lassen, davon abgeben und im Austausch dafür neue Informationen erhalten.

Dann bedeutet das Verlassen der Komfortzone nicht mehr diese riesige Aufgabe eine Innovation zum Patent anmelden zu müssen, dogmatisch auf das Auto (oder den Kamin) zu verzichten, die Welt merklich zu verbessern oder das Arbeitsverhalten jeden Tag wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Ein offener Umgang mit unserer Komfortzone führt dann vielleicht dazu, dass sich Komfortzonen verbinden und zu einem großen offenen Wissensraum werden, in dem wir uns nach wie vor sicher bewegen, aber jede Menge Neues lernen können, Erfahrungen abgucken können und nicht dauernd das Rad neu erfinden müssen.

Raus aus der Komfortzone – das hört sich immer nach dem Überschreiten einer Grenze an.

Wenn wir uns diese Grenzen als offene Grenzen vorstellen, macht es den Schritt wesentlich leichter, die Skepsis sinkt. Offene Grenzen lassen sich auch mal probeweise überschreiten, weil man weiß, dass man auch Fehler machen darf. Und ja, die sollten wir natürlich immer machen dürfen, aber wir scheitern trotzdem ungern. Wir vermeiden es.

Keine Frage – der Platz auf der Couch ist nicht der, an dem wir Neues lernen und etwas bewegen (auch wenn so ein Blogartikel da außerordentlich gut entstehen kann). Aber auf dem Weg der digitalen Transformation kommt uns doch jeden Tag mindestens eine Nachricht unter, die zu „#VUCA“ aufruft. Unser Umfeld ist unbeständig, unsicher komplex und vielschichtig. Aber damit kommen wir nicht besser klar, indem wir jetzt alle ausnahmslos zu neuen Ufern aufbrechen und neue Wege gehen. Die Mischung aus dem, was wir können und worauf wir vertrauen, und dem, was die Menschen direkt um uns rum können, denen wir vertrauen, macht uns schon wesentlich schlauer und offener. Unsere Komfortzone ist schon um einige eigene Spuren erweitert worden. Wie?

Unsere „Raus aus der Komfortzone“ Hacks:

  • Blogartikel schreiben, obwohl man jahrelang steif und fest behauptet hat nicht schreiben zu können,
  • von den Kindern den Umgang mit Instagram und Snapchat zu lernen,
  • in den Kletterwald gehen,
  • einen Halbmarathon laufen,
  • sich mit den technischen Basics hinter Tools und Programmen beschäftigen, obwohl man damit die was zu tun haben wollte,
  • alleine auf eine Veranstaltung gehen,
  • ein Unternehmen gründen,
  • ein Studium abschließen trotz des festen Vorsatzes nach der Schule nie wieder „offiziell“ lernen zu wollen,
  • die eigene Meinung vertreten und auch mal nein sagen,
  • auf uns selbst vertrauen.

Sicher – es ginge alles auch noch eine Runde disruptiver, mutiger, größer, schneller – aber dann macht es vielleicht Angst oder verursacht schwerwiegende Fehler. Damit kommen wir nicht weiter. Nicht für uns und nicht im Team, im Leben, für unsere Zukunft.

Macht Eure Komfortzone auf für andere.

Das hört sich doch viel einfacher an, als immer ausbrechen zu müssen. Und bestimmt fällt auch das leichter, wenn die eigene Komfortzone durch die neuen Bilder und Eindrücke größer wird. Und die Panikzone viel weiter wegrückt. Es wird ausreichend Momente geben, in denen wir Zeitpunkt und Schrittgröße nicht selbst bestimmen können. An Bekanntem festhalten zu können macht auch für diese Momente stärker.

Wir haben unsere Komfortzonen zusammengepackt und schon ist der Radius doppelt so groß – probiert das mal aus.

Dieser Artikel ist Beitrag der Blogparade „Wie entkommen ich der Filterblase?“ von Fineskill – jeden Monat eine neue Blogparade!

Vielen Dank für die Idee & die Möglichkeit!

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