Julia Collard & Sven Schnitzler
Was bedeutet eigentlich Zeit? Oder: Es ist Papa-Zeit!

Was bedeutet eigentlich Zeit? Oder: Es ist Papa-Zeit!

Zeit – es gibt kaum ein Wort, das wir so verschwenderisch und unbedarft in unterschiedlichsten Zusammenhängen verwenden. Lebenszeit, Elternzeit, Urlaubszeit, Arbeitszeit, Teilzeit… kein Kontext, der nicht von Zeit bestimmt wird, den wir nicht in Zeiteinheiten messen.

Neues Jahr, Master beendet, große Ziele: Grund genug einmal über meine Zeitreise nachzudenken. Über meine Bedeutung von Zeit. Ist Zeit Geld? Hab ich genug Zeit? Was ist meine Währung geworden?

 

Karriere – zeit

Eine Ausbildung zum Koch, ein Job in Österreich, eine Karriere im Sternerestaurant. Kein einziger Gedanke an Zeit. Wenn für eine gute Position zwei Monate Einsatz in der Küche ohne freien Tag gefordert werden, wenn eine 10 Stundenschicht 2 Stunden Vor- und Nachbereitung inkludiert – dann habe ich das gemacht. Aus Leidenschaft, in Erwartung von Anerkennung und Aufstieg. Das monetäre Gehalt war damals nicht die Währung, in die ich Zeit übersetzt habe – der Stundenlohn wäre auch jämmerlich gering ausgefallen, hätte ich ihn je ausgerechnet.

Das Trinkgeld als offensichtlicher Beweis für die Leistung eines Abends – das fand Beachtung. Schnelles Geld, schneller Spaß nach der Arbeit – für mehr war keine Zeit. Freizeit? Sie hatte keine Bedeutung und der schnelle Anruf zuhause oder bei Freunden musste als Familienzeit ausreichen. Work Life Balance ist ein individuelles Konstrukt.

 

Beziehungs – zeit

Nicht dass ich während des Zeitabschnitts als Koch keine Menschen um mich hatte – aber erst mit den Menschen, die mir ein neues Gefühl von Geborgenheit und langfristiger Beziehung gegeben haben, habe ich auch über Zeit neu nachgedacht. Während es grundsätzlich sicher gleichgültig ist, ob man sonntags oder mittwochs frei hat, ob man morgens oder abends arbeitet – mit den Menschen um mich herum veränderte sich das Gefühl für gemeinsame Zeit. Viele Berufe sind in ihrer Zeittaktung ähnlich – das fällt umso mehr dann auf, wenn man in einem anders getakteten Beruf arbeitet. So war es plötzlich störend mittwochs alleine frei zu haben, nicht über Zeit verfügen zu können, verplant zu werden und sehr lange im Voraus selbst kleine Zeitfenster zu planen. Zeitteilen mit Menschen wird wichtiger als Karrierezeit. Die Werte verschieben sich. Ein neues Gleichgewicht stellt sich ein.

 

Aus – zeit

Während man als Kind alle Menschen jenseits der 20 für „alt“ hält, der eigene Tag mit 24 Stunden unendlich lang erscheint und sich der Hinweis, dass der nächste eigene Geburtstag erst in einem Monat stattfinden wird, fast unerträglich  anhört, fängt die Zeit irgendwann an zu rennen.

Berufsunfähigkeit und Schicksalsschläge wiederum lassen sie stillstehen, das Zeitempfinden verschwinden. Rückblickend weiß ich besonders für diese Phasen nicht, wo die Zeit geblieben ist, wie lange ich auf etwas gewartet habe, die Zeit anhalten wollte.

Zeit kann auch ein mieser Gegner werden im Leben.

 

Vater – zeit

Und dann das Hier & Jetzt:

Vollzeitjob plus Selbständigkeit. Für manche hört sich das nach richtig vielen Stunden am Tag an. „Hast Du überhaupt Freizeit?“

Geregelte Arbeitszeit bei absolut flexibler Zeiteinteilung – so ist meine Interpretation. Und selbst wenn ich den Grad an Freizeit, den ich heute gegenüber meiner Zeit in der Gastronomie habe, gar nicht hoch genau ansetzen kann, hat sich das individuelle Zeitempfinden doch noch einmal entscheidend verändert:

Es gibt Zeiten, an die darf im Idealfall niemand mehr ran: Wenn man morgens gerne auch einmal gegen 5 Uhr freundlich bestimmt mit einem „Papa ich will spielen“ geweckt und abends mit großen Augen an der Haustür erwartet wird, dann bekommt Zeit eine nie gekannte Bedeutung. Während ich früher nie erwartet hätte pünktlich „den Stift fallen zu lassen“, so kann mich heute kaum etwas mehr enttäuschen, als das Meeting, das die abendliche Tobestunde beschneidet oder der Stau auf der Autobahn, der es verhindert „pünktlich“ zu Hause zu sein.

Denn natürlich kann ich die halbe Stunde am nächsten Tag später starten (selbstverständlich OHNE auszuschlafen). Aber es fehlt die Zeit in dem Moment, wo sie am nötigsten ist. Auch für mich. Die letzten Vorlesungen im Masterstudium – vorzugsweise abends zur Tobezeit und am Wochenende zur besten Sandkasten- und Schwimmbadzeit – waren so unerträglich wie das Warten auf den damaligen Kindergeburtstag. Wie oft habe ich mich gefragt, warum eigentlich 3 Stunden Studium so lang dauern, während die ersten 2 Jahre mit meiner Tochter quasi vorbeigeflogen sind?

Die Zeitgefüge, in denen wir uns bewegen, werden mit jeder Beziehung, die wir eingehen und bewusst pflegen wollen, enger. Es ist wohl kaum sinnvoll meine Tochter um 21 Uhr zu wecken, um meine Spielezeit einzufordern. Und spätestens mit Kindergarten und Schulzeit kommen die nächsten Taktgeber ins Spiel, die ich nicht beeinflussen kann.

Flexible Arbeitszeit, digitales Nomadentum – das funktioniert immer nur so lange, wie unsere Beziehungen – privat, aber eben auch im Job – dazu passen. Und wie wir die Zeit(gefüge) der Menschen um uns herum respektieren. Inzwischen sind mir Sonn- und Feiertage so kostbar, dass mein 20jähriges Ich sich vermutlich lustig über meine Spießigkeit gemacht hätte. Und wer weiß, wie mein Zeitfokus in 20 Jahren aussieht…

Fremdbestimmung – soweit möchte ich nicht gehen und auch Zeitkorsett hört sich zu negativ an. Aber selbstbestimmt sind wir immer nur innerhalb der Rahmenbedingungen, die wir uns geben (müssen).

 

Zeit – takt

Mein Haupttaktgeber ist meine Familie geworden – es sind die wichtigsten Menschen im Leben, die über meine Zeiten verfügen dürfen. Und da gehöre ich selbst dazu. Ich kann weder über Sonnenauf- oder -untergang und nur bedingt über die Verschiebung sinnvoller Schlafens- und Essenszeiten bestimmen, aber ich kann Meeting- und Kundentermine mitbestimmen. Übernachtungstermine werden sparsam geplant und das Meeting nach 17 Uhr erst recht. Ich weiß, dass das ein Privileg ist und längst nicht so selbstverständlich, wie uns das neue Arbeitszeitmodelle von Vorzeigefirmen und 4-Stunden-Tagen vorgaukeln. Denn die Kollegen aus der Kochzeit können von einer Tobestunde zwischen 17 und 18 Uhr auch künftig nur träumen.

Mir Zeit zu nehmen. Im Rahmen meiner Beziehungen und Jobziele selbstbestimmt zu sein – das ist Luxus.   

Es wäre falsch zu glauben, dass absolute Selbstbestimmung über Zeit frei macht. Sie kann auch einsam machen. Das wichtigste ist doch gemeinsame Zeit. Keiner von uns weiß ob unsere Lebenszeit beschränkt wird oder wie viel Lebenszeit uns geschenkt wird. Also nutzen wir sie. Leben ist, was jetzt passiert. Dazu muss die individuelle Zeiteinteilung passen dürfen.

Eines wäre ein Riesenfehler: Zeit zu verschwenden. Leben ist, was jetzt passiert.

 

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