Es sind manchmal Kleinigkeiten, die uns „aus der Bahn werfen“.

Also nicht so wirklich – dazu gibt es zu viele wirklich wichtige Ereignisse im Leben.  Vielleicht eher: die uns an einem flüchtigen Text, einer Schlagzeile hängen bleiben lassen. Wie diese Stellenanzeige der Senatsverwaltung Berlin, in der unbefristet und für das ganz passable Gehalt von ca. 2.400 € brutto ein*e Vervielfältiger*in gesucht wird.

Ja. Tatsächlich. Keine Buzzwords, kein Manager of Kopiergerät und auch keine Head of Duplication – einfach ein*e Vervielfältiger*in.

Unsere ersten Assoziationen waren lustig, flockig und heiter. Das muss ja ein VIELFÄLTIGES Jobprofil sein. Und die Betreuung der Kopiergeräte (explizit benannt als Aufgabe in der Stellenbeschreibung!) ist auch eine wirklich wichtige Aufgabe. Man stelle sich diese ganzen unbetreuten Geräte einmal vor! Und die Vervielfältigung von Unterrichtsmaterialien, Zeugnissen und Schulprospekten ist ja auch wichtig.

 

Oder etwa nicht?

Wir sind als Mediencoaches in mehreren Digitalisierungsprojekten engagiert. Dort werden Kitas, Kinderhorte und Altenheime digitalisiert. Nicht unerhebliche Summen sind in Geräte geflossen und glücklicherweise hat man bei diesen Projekten auch daran gedacht, dass Menschen den Umgang mit denselben lernen müssen und dass solche Geräte gewartet, aufbewahrt, transportiert und irgendwann ersetzt werden müssen. Das ist weit mehr als manche aktionistische Beschaffungen erzielt haben, bei denen topaktuelle Geräte an Schüler*innen NICHT ausgegeben werden konnten, weil sie bei der letzten coronabedingten Schulschließung noch fein säuberlich eingeschweißt im Schultresor lagerten. Oder es keine Verträge zur Nutzungsüberlassung gab. Oder keine stoßfesten Hüllen. Oder…. Die Liste lässt sich beliebig erweitern.

 

Können wir digitale Bildung?

Keine Angst – das ist kein weiterer Artikel gegen unser Bildungssystem, über unfähige Schulverwaltungen oder die Verschwendung von Steuergeldern.

Aber es ist der dringende Appell an alle Verantwortlichen, auch im Bildungsbereich mal über innovatives Projektmanagement und zukunftsgerichtetes Personalmanagement nachzudenken.

Menschen haben Angst davor, dass sie irgendwann von einer KI ersetzt werden. Das ist in den allermeisten Fällen unbegründet, weil es eben immer noch Menschen braucht, die einer KI sagen, was zu tun ist. Die die KI lernen lassen. Die Emotionen zeigen, es menscheln lassen – gerade in Zeiten der virtuellen Kommunikation.

Aber ein Kopiergerät, ein DVD Player und ein Overheadprojektor sind weit entfernt davon, mit künstlicher Intelligenz gesegnet zu sein (auch wenn der Papierstau im Kopierer uns das glauben lässt oder wir uns ganz einfach wünschen, dass wir nicht selbst schuld sind, wenn das Ergebnis unseres Kopiervorgangs nicht dem gewünschten entspricht).

 

Das haben wir schon immer so gemacht

“Wenn Sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiß digitalen Prozess.” Meint hier: wenn man einen analogen Prozess von einer (akademisierten) Lehrkraft auf eine Verwaltungsfachkraft überträgt, dann bleibt auch dieser Prozess scheiße. Auch wenn es im ersten Moment sicher effizienter (günstiger) ist – das steht außer Frage!

Aber wie bitte wollen wir unseren Schüler*innen den nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen beibringen, wenn sie täglich mit Unmengen von Papier zugeschmissen werden? Der Anreiz weniger zu kopieren wird so wohl kaum gesetzt. Und die Tablet-Klassen fotografieren die kopierten Arbeitsmaterialien dann ab?

Sicher – nicht jede Schule hat im letzten Jahr Quantensprünge gemacht oder machen können.  Aber eine UNBEFRISTETE Stelle signalisiert doch auch, dass man dieser Art des Arbeitens auf absehbare Zeit keine Grenzen setzen möchte. Und mal ehrlich: die betreuten Kopiergeräte brauchen doch trotzdem noch einen Service- und Wartungsvertrag (der sie dann auch punktuell betreuen kann, Kopiergeräte pflegen im Allgemeinen ganz gut alleine klar zu kommen).

 

Heften, tackern, ablegen

Der Hinweis, dass Bewerbungsunterlagen ohne (Büro-)Klammern, ohne Schnellhefter/ Bewerbungsmappen und ohne Sicht- und Prospekthüllen eingesendet werden sollen, trägt auf jeden Fall automatisch zur Qualifikation für den Job bei. Wir haben alle schon mal eine getackerte Kopiervorlage in den Einzug gelegt, oder ;-)?

Dass man sich aber nur schriftlich, also per Post und Papier bewerben kann, versteht sich von selbst oder?

Es ist nicht lustig. Es ist Realität und die ist manchmal hart. Wir wissen sehr wohl, dass wir uns in einer digitalisierten Bubble bewegen – aber das hat uns doch beeindruckt. Nicht positiv.

 

Human Relations

Digitalisierung um jeden Preis ist nicht unser Ding und es gibt Jobs, die sind gerade großartig, weil sie nur analog stattfinden können. Wir werden als Menschen, als Human Relations, als Individuen, die kommunizieren und interagieren können, immer wichtiger. Wir können bewusst Entscheidungen treffen, die wir nicht vorher gelernt haben – das entscheidet uns von einer KI. Das muss dazu führen, dass wir Projekte von Anfang bis Ende denken. Wenn wir digitalisieren, dann heißt das nicht, dass wir Mittel bereitstellen und Geräte kaufen. Digitalisierung bedeutet Menschen zu befähigen, sich digitaler Tools und Geräte zu bedienen, um das Leben einfacher zu machen und Jobs sinnvoller.

 

 

Vielfältiger.

 

Wir sollten Vielfalt neu definieren.

Da kommt nämlich nie die Kopie etwas schon Bestehenden raus.

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