Julia Collard & Sven Schnitzler
Umsiedeln in die USA – Besser? Schlechter? Anders?

Umsiedeln in die USA – Besser? Schlechter? Anders?

#60 Gastbeitrag von Ellen Wagner

Seitdem ich vor zwei Monaten mit meiner Familie in die USA gezogen bin, werden mir immer wieder ähnliche Fragen gestellt. Was ist besser, was ist schlechter, was ist anders? Keine einfachen Fragen. Reicht ein Blogartikel um diese Fragen zu beantworten? Um es „the American way“ zu sagen: Sure, no problem!

Was ist besser in den USA?

Ich kann gar nicht beurteilen, was allgemein besser in den USA ist. Klar: Denkt man an das Weiße Haus, dann fragt man sich wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet dieser Präsident dort sitzt. Aber einmal von diesem rassistischen und gefährlich größenwahnsinnigen Vollidioten abgesehen, leben wir hier in einer wunderbar kuscheligen Ostküsten-Bubble. New Jersey ist besser als der Ruf der USA – besonders liberal, offen und noch demokratischer als die meisten Staaten. Oder würde mir ein Gouverneur eines anderen Bundesstaates persönlich die Hand auf dem Pride March (in Deutschland als CSD-Paraden bekannt) schütteln? (Das war ‚awesone‘, Governor Phil Murphy).

Woher kommst Du?

Bei der Frage, ‚Where are you from?‘ reicht ein kurzes ‚From Germany‘. Wie schön ist das denn? Da muss ich erst im Ausland leben um eine Identität zu haben, zu der ich stehen kann und die für offensichtlich alle völlig plausibel ist. Es folgen keine weiteren Fragen, wie ‚Nee, ich meine ursprünglich‘. Das finde ich wirklich angenehm – sozusagen besser.

Besser ist auch die Distanz zum Meer, nach New York City oder Philadelphia: Eine Autostunde. Die Natur ist zumindest jetzt im Sommer ein Highlight – wunderschön üppig und grün. Ausserdem wird Komfort und Service hier ganz groß geschrieben. Sei es der Tankservice, der Einpackservice beim amerikanischen Aldi Nord (Trader Joe’s)… eigentlich überall! Einfach ‚amazing‘.

No Days For Future

Jedoch führt gerade die große Liebe zur Gemütlichkeit aus deutscher Sicht zu gravierenden Nachteilen. Klein- oder Mittelklassewagen sind die Minderheit auf den Straßen. Beim Großeinkauf bei Walmart werden einfach so 37 kurzlebige Plastiktüten verwendet. Lebensmittelverpackungen sind so unglaublich groß – wie schnell können 3,79 Liter Milch getrunken werden? Dabei gibt es nicht nur ‚Non-Fat Milk‘ in Gallonen, sondern auch extra-gezuckerten Orangennektar (obwohl 100% Saft draufsteht, Frechheit). Margarine gibt’s im 1-Kilo-Pott und reguläre Chips Packungen gleichen den deutschen Mega-Party-Packs. Für deutsche Verhältnisse sehr ungewohnt. Ebenso wie die Supermarktrechnungen an sich. Da ist es schon sinnvoll die günstigeren Farmers Markets aufzusuchen um Obst und Gemüse zu kaufen, dann geht es ganz gut.

Neue Rolle

Ohnehin geht es uns hier wirklich gut, obwohl hier so einiges anders ist. Wir sind aufgrund der Beförderung meiner Frau in die USA gezogen. Das bedeutete, dass ich meinen Job in Deutschland kündigen musste und nun auf meinen Working Permit warte, um auch arbeiten zu können. Auch wenn ich häufig fluche, keinen Büroalltag und keine Vorlesungen mehr zu haben, brauchen wir hier meinen vollen Einsatz für die Familie. Die Erstklässlerin braucht intensive Unterstützung bei ihrem Start in der öffentlichen ‚Elementary School‘, Fahrdienst zum Schwimmverein, seelische Motivation beim Freunde finden, Sprachbarrieren-Überwinden und dazu die normalen schulischen Herausforderungen. Das Leben im großen Haus (yeah) führt unweigerlich zu mehr Putzen (oh). Es bedeutet vor allem eine Menge Organisation, wenn erst mit Leihmöbeln eine Art Ferienwohnung-Atmosphäre herrscht und dann etwa 4 Wochen später der 40 foot-Container mit unserem gesamten kölschen Hausrat in gut 300 Kisten und Paketen ankommt.

Außerhalb der Komfortzone

Die Transformation stellt man sich ja eh anders vor. Am schwierigsten empfinde ich den neuen Alltag. Ich hatte in den letzten 10 Jahren immer zwei Jobs: einen in Festanstellung und einen in Selbständigkeit. Dazu Familie, Kind und Haushalt. Wenn dann auf einmal nur noch wenig sozialer Austausch stattfindet, keine Struktur im Tagesablauf besteht und Anerkennung von KollegInnen oder KundInnen fehlt, dann fühlt sich das einfach nur furchtbar an. Selbstzweifel, Angst und Gedanken bekommen plötzlich viel zu viel Raum. Ein Glück, dass ich Coach bin, da weiß ich zumindest, was ich der kognitiven Ebene einreden kann. Doch das Gefühl braucht in dieser Phase großer Veränderung eine nicht zu unterschätzende Portion Zeit. Und das ist wie so oft, so viel leichter gesagt als getan.

Flow stellt sich wieder ein

Nach dem Erstellen meiner Website your-life-and-business-coaching.com, ersten Teilnahmen an Veranstaltungen für UnternehmesgruenderInnen sowie an Treffen der ICF (International Coach Federation) sehe ich Licht am Ende des Tunnels. Mit einem konkreten Plan und einer klaren Vision im Gepäck ist es zum Glück möglich – vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit für diesen Prozess. Im sogenannten German Princeton Club, einer Gruppe für Deutsche in Princeton, darunter hauptsächlich Expats, erfahre ich von ähnlichen Empfindungen in Veränderungsprozessen. Einige brauchen länger um sich einzugewöhnen, andere wollen oder können aber auch gar nicht richtig ankommen.

American Way of Life

Die amerikanische Can-do-Mentalität gefällt mir und motiviert mich. Es zählt nicht, was Du getan hast, sondern was Du kannst. Das macht es einfacher hier durchzustarten. Auch die Bereitschaft zu helfen ist anders. Volunteering (Freiwilligendienste) macht hier irgendwie jeder ganz ohne Murren und wenn man nur fragt, bekommt man umgehend Hilfe – in der Nachbarschaft, auf Veranstaltungen oder in der Schule.

Ich höre besser auf zu vergleichen und frage mich nicht mehr, was besser oder schlechter ist. Hier ist es eben anders. Anders finde ich eigentlich ziemlich gut. Anders braucht halt Zeit.

Teil 1 von Ellens Story:

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