Julia Collard & Sven Schnitzler
Storytelling: soziale & social Narrative

Storytelling: soziale & social Narrative

Soziale Arbeit braucht digitale Narrative

Die besten Geschichten erzählt das Leben. Das war uns schon lange bevor wir über Narrative nachzudenken angefangen haben klar. Geschichten erzählen wir uns schon immer als sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird.

Geschichten transportieren Werte und Emotionen und sind damit das ideale Stilmittel, um auf soziale Projekte aufmerksam zu machen. Eigentlich. Nun erzählen wir uns aber Geschichten zunehmend weniger physisch und analog. Und in Sachen digital Storytelling ist der Sozialsektor tatsächlich noch ein Stück zurück.

Macht man das?

Das kann unterschiedliche Gründe haben: Arbeit mit und am Menschen ist per se analog. Passen hier digitale Methoden der Dokumentation ins System? „Macht man das?“ ist so oft die Frage der Pietät, des Anstands und der Distanzwahrung im Care Bereich.

Care Arbeit insgesamt ist noch wenig digitalisiert. Soziale Medien gelten als Gegner der Persönlichkeitsrechte und gerade in Situationen, in denen wir schwach, krank, besonders jung oder alt sind müssen diese Rechte in besonderer Weise geschützt werden. Also bitte keine Stories darüber.

Gleichzeitig sind Menschen den Geschichten aus der Sozialarbeit gegenüber zunehmend abgestumpft. Wir kennen die typischen Bilder scheinbar zur Genüge: Im Ehrenamt die von Kullertränen hungernder Kinder, die Sammlung auf der Straße für Zirkustiere im Winterquartier, der Flyer im Briefkasten für die Altkleidersammlung. Alles keine Stories mehr, die uns berühren. Selbst die Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer sind inzwischen kaum mehr eine Zeitungszeile wert.

Was brauchen wir stattdessen – vielmehr zusätzlich und unbedingt? Wir müssen die Geschichten über das Ehrenamt und die soziale Arbeit so erzählen, dass sie berühren und im Sinne der Narrative zum Kulturwandel beitragen.

Das heißt aber auch, dass wir unsere Ängste einem Eingriff in die Privatsphäre gegenüber nicht als Blockade nutzen dürfen. Es geht wie so oft um Balance. Darum, die Geschichten des Lebens mit Einfühlungsvermögen zu erzählen, Emotionen zu wecken und Beteiligung hervorzurufen. Aber niemanden bloßzustellen oder zu benutzen.

Wir werden die Welt nicht retten, wenn Digitalisierung und Fortschritt in den TechLabs dieser Welt stattfinden. Wohl aber, wenn wir für Menschen eine wertschätzende Lebens- und Arbeitsbedingung kreieren. 

Die Auswahl ist uns schwer gefallen, die Recherche hat enorm Spaß gemacht und wir haben viel gelernt.

 

Unsere 5 Beispiele für Digital Social Storytelling:

1. Roboter am Rhein – Wesseling digital

Wir starten klein vor Ort. Digitalisierung findet im Silicon Valley statt. In Berlin. Vielleicht auch noch in Hamburg, München und Köln. Aber dann hört es auf. Wie lernen Kinder programmieren, die keinen Zugang zu den Coding Initiativen der Großstädte haben? Wer unterstützt den Handwerksbetrieb, das KMU, den Dienstleister vor Ort und vor allem auch die Lokalpolitik, von der der digitale Wandel erwartet wird? Wesseling digital fördert die Volks-­ und Berufsbildung im Bereich der digitalen Transformation und der Technologieentwicklung in der Stadt Wesseling, einer Industriestadt in NRW vor den Toren von Köln und Bonn. Der freiwillige Zusammenschluss von Unternehmen, Organisationen und Vereinigungen sowie Privatpersonen stellt eine allgemein zugängliche Experimentier­-, Lern­- und Lehrumgebung bereit, um Digitalisierung gemeinsam zu gestalten und voranzutreiben. Die Geschichte ist gut und könnte noch viel breiter erzählt werden – denn Wesseling wird nur eine von fast allen (Klein)Städten sein, die mit genau den gleichen Herausforderungen umgehen müssen. Gemeinsam erzählt es sich leichter. Gemeinsam lassen sich Lösungen und Synergien finden. Sichtbar!

 

2. [U25] Gelsenkirchen

„Als sich die Mitarbeiter:innen des Arbeitskreis Leben Freiburg 2001 darüber Gedanken machten, wie man jungen Menschen unter 25 Jahren, die die höchste Rate an Suizidversuchen aufweisen erreichen kann, konnte keiner ahnen, dass es 2016 zehn [U25]-Onlineberatungsdienste in Deutschland und darüber hinaus je einen in der Schweiz und in Österreich geben wird. Unter dem Arbeitstitel „U25“ (= unter 25, etwas Besseres ist uns nicht eingefallen) haben wir eine Idee entwickelt, die bis heute bestand hat: Wir müssen dorthin gehen, wo sich die Jugendlichen aufhalten: Ins Internet und in Schulen.“

Das ist ganz kurz die Story von [U25]. Unter https://www.u25-gelsenkirchen.de/ findet Ihr die ganze Story – perfekt erzählt inklusive Instagramkanal und dem [U25]:peerTV auf YouTube. So funktioniert Storytelling zielgruppengerecht. Das bewegt und berührt und ist ein Vorzeigebeispiel für Engagement und die passende Kommunikation dazu. Eines geht nicht ohne das andere. Es geht um Hilfe in akuten Krisensituationen.

Die Story um Suizidgedanken Jugendlicher lässt sich nicht leicht(fertig) erzählen, aber authentisch. Hier gelingt die Gratwanderung zwischen Distanz und Nähe, Takt und Ehrlichkeit, Privatsphäre und Beteiligung.

 

3. Helpteers

Keine einzelne soziale Geschichte, sondern eine Plattform, die ganz viele Engagements bündelt und mit den Menschen  zusammenbringt, die in kleinen, unbekannten, örtlichen Initiativen unterstützen möchten. Es muss nicht immer die ganz große Story sein, sondern eben die, die am besten zu uns passt und bei der wir sehen, dass unsere Hilfe unmittelbar ankommt: Unter https://helpteers.net/main/help findet Ihr die Projekte, die Unterstützung nötig haben – Kunst, Kultur, Sport, Umwelt, Familienhilfe – es gibt nichts, was nicht eine helfende Hand sucht. Und wenn Ihr selbst ein Projekt habt, dann könnt Ihr umgekehrt Unterstützer finden. Die digitale Plattform sucht analoge Mitstreiter. Wenn wir alle auch nur einmal vor Ort unterstützen würden, dann wäre auf diesem Markplatz der sozialen Möglichkeiten mindestens so viel los wie auf den großen Shopping und Streaming Plattformen – und das wäre doch alles andere als ein Eingriff in die Privatsphäre, oder?

 

4. Ausbildung mit VR

Wer uns kennt ist vermutlich längst informiert und infiziert von dieser genialen Idee. Das Projekt Ausbildung mit VR verfolgt das Ziel, die Qualifizierung von Rettungssanitäter:innen beim Deutschen Roten Kreuz Virtual Reality zukunftsorientiert, ortsungebunden und innovativ zu gestalten. Dabei unterstützt das Projekt bei der Einführung von praxisnahem lebenslangem Lernen, sowie der Stärkung des Haupt- und Ehrenamts. Mit dem Einsatz von VR werden einzelne Lernmodule im virtuellen Raum standardisiert und teilnehmerorientiert zur Verfügung gestellt, ähnlich der Ausbildung von Piloten ziviler Airlines.

Und wer denkt, dass so eine Wohlfahrtsorganisation wie das DRK wohl kaum noch individuelle Unterstützung nötig hat – falsch! Auch hier basieren innovative Projekte auf den Ideen und dem Engagement weniger Einzelpersonen. Und die haben Sichtbarkeit absolut nötig und verdient!

 

5. Letsact – Tinder für´s Ehrenamt

Alles immer noch zu kompliziert? Dann hilft nur noch https://letsact.de – so einfach wie es klingt. „Mit letsact steht dir nichts mehr im Weg, damit du einen Social Impact machen kannst!“ Ludwig Petersen (20) und Paul Bäumler (21) haben letsact 2017 gestartet, um Menschen einfachen Zugang zu freiwillig-sozialen Projekten zu geben. Mittlerweile kann man sich auf letsact nicht nur noch sozial engagieren, sondern auch mit Mikrospenden und Klimaprojekten einen Beitrag zu einer besseren Welt von Morgen leisten.

Dahinter steckt nicht weniger als die Vision, gemeinsam die größten Probleme der Welt zu lösen – eine ganz schön gute Basis für Narrative. Für eine Erfolgsstory.

 

Angeregt zu diesem Blogartikel haben uns diese Woche zwei Dinge:

1.     Der StoryDay#20 des Spiegel in Hamburg, bei dem Emily Chow vom Storytelling bei der Washington Post berichtet hat. Eine ganz große Story.

2.     Die vielen kleinen Geschichten, die uns im Alltag begegnet sind: ein älterer Herr alleine im Hotel, der keinem mehr seine Geschichten erzählen kann. Der selbstverständliche Videoanruf zu Hause, um die neusten Erlebnisse live erzählt zu bekommen. Zeit, die verfliegt, wenn man sich wirklich zuhört und die Story seines Gegenübers verstehen möchte.

Digital Storytelling muss unbedingt sozial sein.

Und der Sozialsektor muss unbedingt Geschichten erzählen. Und zwar so, dass die Zielgruppe involviert wird. Die Zahl der Einflüsse und Informationen, die täglich auf uns einprasseln, lassen uns zu selten wirklich zuhören.

Darum müssen gute Stories sichtbar sein, unterschiedliche Kanäle nutzen und so ihren Weg zu den Menschen finden.

Für uns ist die Verbindung von Social Media & sozialer Arbeit definitiv ein zukunftsweisendes Thema, über das sich zu sprechen und zu diskutieren lohnt!

“Dem Wandel entsprechend brauchen wir genau diese Vernetzung und Durchlässigkeit der Bereiche.” Das meint Constanze in ihrem Aufruf zur Blogparade

„Kulturwandel im Gesundheitswesen“

unter https://www.zukunftsherz.de/aufruf-zur-blogparade-2020-kulturwandel-im-gesundheitswesen/

Wir sind gerne dabei. Danke für die Initiative und den inspirierenden Austausch!

 

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