Es scheinen Welten zu liegen zwischen unserem ersten analogen Treffen im Fast-noch-Rohbau bei Oliver Wyman im November 2019 in Düsseldorf, dem Instagram-Live Spaziergang durch München noch ganz im „Lockdown“ vor 2 Wochen und dem Moment jetzt – einem #netzwerktalk mitten im Mai zwischen alter und neuer Normalität.

 

Doppeltspitze: Liebe Andrea, herzlichen Dank für Deine Mittagspause als Kommunikationsspende an uns. Was bewegt Kommunikation gerade? Was bewegt Dich?

Andrea Steverding: Alles. Das ist fast wie immer! Derzeit bin ich in Dauerkommunikation – meist per Video-Calls – und treffe jeden Tag Menschen aus aller Welt. Ich habe beruflich viel Interaktion mit meinen KollegInnen, in Deutschland aber auch in anderen Ländern. Dadurch war ich von Anfang an sehr gut über die jeweilige Lage vor Ort informiert. Und zwar nicht nur über Medien, sondern auch durch die persönlichen Berichte meiner KollegInnen aus Mailand, Amsterdam, Stockholm, Moskau, London und den USA. Sie haben mir immer wieder berichtet, wie es gerade um sie, ihre Projekte und ihre Mitmenschen steht. Die letzten Wochen waren sehr arbeitsreich und geprägt von Emotionen, wertschätzenden Gesprächen und sehr viel Flexibilität und Kreativität. Der Austausch mit Menschen ist zwar meist virtuell, aber näher als jemals zuvor.

 

Doppeltspitze: Du bist eine großartige Optimistin – aber kann man das in einer Krise dieses Ausmaßes noch sein?

Andrea: Wir müssen! Am meisten hat mich in der aktuellen Krise überrascht, wie groß das Maß an Solidarität ist. Aufgrund meines Alters habe ich ja schon einige Krisen erlebt – die große Finanz- und Wirtschaftskrise, 9/11, Golfkrieg, HIV-Virus – aber die persönliche Solidarität rund um den Globus habe ich in dieser Form noch nicht in großen Krisen wahrgenommen. Ich möchte das ausdrücklich betonen – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Meldungen über Verschwörungstheoretiker, Manipulation und versuchter Spaltung. Insgesamt sind wir als Gesellschaft – lokal, regional, international – vereint im Kampf gegen einen mächtigen Gegner. Und was für einen Kraftakt wir da gerade gemeinsam stemmen müssen! Jeder und jede nach seinen Möglichkeiten, von den Unternehmen über die Politik bis hinein in die Familien und Freundeskreise, weil wir unseren Teil leisten wollen und auch müssen.

Mein Optimismus geriet eigentlich nur einmal am Anfang der Ausgangsbeschränkungen ernsthaft ins Wanken. Es war so beklemmend! Das fing in München an mit den öffentlichen, teils mehrsprachigen Durchsagen am 21. und 22. März 2020, die uns in Endlosschleifen zwei Tage lang aus Fahrzeugen beschallt haben, dass wir dringend zuhause bleiben müssen. Es regnete immer wieder in Strömen und hat mich dunkel an Kriegsberichte meiner Großeltern erinnert. Auch haben mich anfangs die Reisebeschränkungen und geschlossenen Grenzen sehr belastet – mehr noch, als ich erwartet hätte. Zum Glück bin ich schnell wieder zu meinem Optimismus zurückgekehrt, vor allem wegen der persönlichen Solidarität vieler Menschen und der erkennbar „menschlicheren“ Kommunikation.

 

Doppeltspitze: Hat sich Deine Kommunikation in dieser Zeit verändert?

Andrea: Ja, ich höre sehr viel genauer zu und schaue viel genauer hin. Dabei versuche ich zu bestärken, Mut zu machen und zu verbinden. Schon vor der Krise habe ich gerne Menschen zusammengebracht, aber das ist jetzt intensiver geworden. Ich merke natürlich, dass mir meine Erfahrung hilft, schon mehrere große Krisen erlebt zu haben.

Die kleinste Herausforderung war in den letzten Wochen der technische Teil von Remote Work. Das „remote“ liegt quasi meinem Arbeitsbereich und meiner Heimatbranche in der DNA. Doch 100% Home Office kombiniert mit Pandemie und Ausgangsbeschränkung hat bislang noch keiner von uns erlebt. Darin liegt auch die große Herausforderung, kommunikativ und in der Zusammenarbeit im Team. Es war sehr viel Flexibilität, Menschlichkeit und Kreativität gefragt. Bei mir ging das so weit, dass ich sogar die Ausstattung hinter meinem Schreibtisch regelmäßig angepasst habe. Anstelle der digitalen Hintergründe in Videotools nutze ich ganz analog das Bild hinter meinem Schreibtisch, das ich regelmäßig austausche. Dies war oft mit ein wenig Sehnsucht nach weit entfernten Ländern verbunden. Aktuell bin ich bescheidener geworden und Ihr seht gerade die Ostsee hinter mir. Meine Sehnsuchtsorte sind über die Zeit immer näher gerückt – aber sie führen immer noch zu witzigen Dialogen und einer Aufheiterung. Zugleich bin ich froh, dass wir nun weitere Lockerungen erleben. Nicht nur, weil mein Bildervorrat allmählich an sein Ende kommt.

 

Doppeltspitze: Fehlt Dir das Reisen?

Andrea: Und wie! Die Grenzschließungen haben mich nicht nur beruflich, sondern auch privat getroffen. Ich hatte mit sehr großem zeitlichen Vorlauf und viel interner Unterstützung eine 4-wöchige Auszeit für April geplant, die natürlich komplett von Corona absorbiert wurde. Wie gerne hätte ich endlich mal gezeigt, dass ich auch Work-Life-Balance gut kann. Seit meiner Kindheit träume ich davon, einmal nach Japan zu reisen, und nun fiel der Plan schon wieder ins Wasser. Hinzu kam die Verpflichtung, noch Resturlaub abzubauen – im Homeoffice! Zu Beginn habe ich kurz leise den Kopf geschüttelt und dann einfach mal gemacht und festgestellt, dass es grandios ist. Die Beschränkung auf die kleinste lokale Einheit habe ich tatsächlich als sehr erfrischend, ausgleichend und aufbauend erlebt. Humor hat mir geholfen und die Tatsache, dass meine damals einzig erlaubte Kontaktperson ebenso lauffest ist und begeistert mitgemacht hat. Diese Erlebnisse gehören zu den wertvollsten Erfahrungen, die ich persönlich in der Ausgangsbeschränkung gemacht habe.

Natürlich gab es auch reihenweise skurrile Erlebnisse wie unseren Instagram Live Walk. Ja, ich gebe es zu, ich habe sogar einigen Bäumen auf meinen etwas „verhuschten“ Runden frühmorgens oder nach Sonnenuntergang bildreiche Namen gegeben. In den letzten 10 Wochen habe ich vermutlich mehr über Work-Life-Balance gelernt als in den Jahren zuvor. Die Zeit verlief ganz anders als geplant, erschloss mir aber ähnlich viel Neues über die Welt und die Menschen um mich herum wie das Reisen in weit entfernte Länder. Mein kleiner Urlaub in der Pandemie war also eine gute Mikroreise.

 

Doppeltspitze: Fehlen Dir die Menschen?

Andrea: Hier sind tatsächlich meine „Entzugserscheinungen“ viel weniger gravierend als ich vermutet habe. Natürlich treffe ich mich auch lieber physisch und an wechselnden Orten. Aber ich habe unfassbar tolle Begegnungen virtuell mit alt bekannten und neuen Menschen erlebt. Mein Netzwerk hat sich geschärft, differenziert und es haben sich auch Verbindungen herausgebildet, die weit über das übliche Businessnetzwerken hinausgehen. Ich bin fast versucht zu behaupten, dass es bei mir ein Pandemienetzwerken mit völlig neuer Qualität gegeben hat. Und es haben sich dabei auch persönliche Freundschaften entwickelt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Darüber hinaus ist die Nachbarschaft bei mir zuhause wesentlich aufmerksamer und hilfsbereiter geworden. So hat mich eine ältere Dame aus dem Haus ab einem gewissen Punkt regelmäßig zu langsamen „Abstandsspaziergängen“ eingeladen, während ich ihr bei digitalen Aktivitäten oder simplen Einkäufen etwas Hilfe über die Schleuse hinweg organisiert habe. Wir wurden lokal schnell zu einer eingeschworenen Gemeinschaft über mehrere Generationen hinweg. Auch das war ein Geschenk. Heute ist der Blick von Menschen in Videotelefonaten wieder fester und intensiver geworden. Das freut mich sehr. In Summe fehlen mir weniger die Menschen als die persönlichen Begegnungen mit ihnen – und natürlich die Zeit im Museum.

 

Doppeltspitze: Die Solidarität ist Dir ein so wichtiges Phänomen dieser Zeit. Woran machst du das fest?

Andrea: Mich hat die ganze Zeit in meinem Umfeld fasziniert, dass es in einer derartigen Krise mit nie erlebten Abstandsregeln zu so großer Nähe und Solidarität kommen kann. Schließlich hat niemand von uns jemals zuvor durch so eine Pandemie navigieren müssen. Du spürst sehr genau, mit welchen Werten einzelne Menschen durch die Welt gehen. Es gab oft Gemeinschaftsgefühl und ein fast vergessenes authentisches Interesse aneinander. Auch beruflich starteten bei mir viele Telefonate im Team mit der Frage „Wie geht es Dir?“ und es gab ein sehr genaues Zuhören und Austauschen.

Bei Oliver Wyman war es sehr klar spürbar, wie alle sofort versucht haben, genau beim konkreten Bedarf mit anzupacken. Wir haben langjährige Erfahrung mit erfolgreichen Social-Impact-Projekten im Markt, in denen sich MitarbeiterInnen neben ihrem eigentlichen Job sozial für Organisationen und die Menschen draußen engagieren. Nun hat sich innerhalb kürzester Zeit das persönliche Engagement auch um die Bedürfnisse der Menschen innerhalb unserer Organisation gekümmert. Als erstes hat sich unser Wellbeing Team auf den Weg gemacht und für uns MitarbeiterInnen Hilfsangebote für das „Home Together“ zur Verfügung gestellt. Zudem haben sich zahlreiche KollegInnen in einer neuen „Child Care Support“-Initiative eingebracht, um den mit Home Schooling geplagten Eltern ganz konkrete Entlastung zu bieten. Mittlerweile gibt es bei uns im Kollegenkreis Ersatzlehrer für so ziemlich jedes Fach – von Mathe über Physik bis hin zu Englisch und Deutsch. Teils entstanden sogar Vorlesepatenschaften. Das ist doch berührend! Daneben gab es ganz früh Kolleginnen, die in ihrer Freizeit Gesichtsmasken für soziale Zwecke genäht haben – und uns irgendwann auch intern über einen Masken-Shop versorgt haben. Wenn Du solche Leute in Deinem Umfeld hast, dann gibt Dir das Kraft und Zuversicht – auch für die Zeit nach der Krise.

 

Doppeltspitze: Dein Fazit der Krise – ungeachtet dessen, ob es vermessen ist, jetzt schon eines zu ziehen?

Andrea: Es war und ist eine harte und teilweise auch tragische Zeit. Lasst uns bitte zuversichtlich bleiben. Es gab schon viele schwere Krisen – aber es gibt immer auch ein danach. Mir ist klar, dass dies hier kein Sprint ist. Es ist ein Marathon und wir sind da längst noch nicht durch. Dieser Kraftakt wird auch sicherlich nicht spurlos an uns vorüber gehen. Aber wir haben schon jetzt viel gelernt und wir werden das schaffen! Konzentrieren wir uns auf die Zeit danach und packen es weiter an.

 

Herzlichen Dank Andrea, die Pause ist geflogen… Wir haben noch ein gemeinsames Date im Juli zur #TakeFiveTime und unser Fernziel ist ein analoges Wiedersehen in Berlin mit alten und neuen Verbindungen, mit ganz viel Kommunikation, mit Werten, denen Isolation nicht schadet, sondern die durch sie wachsen und stärker werden. Bäume mit Namen eben. Bis ganz bald!

Andrea Steverding ist Leiterin für Kommunikation und Marketing bei Oliver Wyman. Sie verantwortet die Bereiche Public Relations, Digital und Social Media, Events sowie Direktmarketing für die Märkte Deutschland & Österreich, Schweiz, Niederlande, Russland und Skandinavien.

Sie studierte Politikwissenschaft, Wirtschaftspolitik, Soziologie und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Im Sommer 2018 wurde sie mit dem “Digital Newcomer Award” ausgezeichnet, der von der Computerwoche und dem Netzwerk Global Digital Women initiiert wurde.

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