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Weltfrauentag. Wieder. Unzählige Veranstaltungen. Wieder. Der Ruf nach Quote, Gleichberechtigung, Girl´s Day und Equal Pay. Wieder. Aber was tut sich eigentlich? Nicht falsch verstehen, ich bin nicht gegen Frauen – ich bin selbst eine. Aber ich bin auch nicht gegen Männer. Und vielleicht ist das ein entscheidender Aspekt.

Frauenquote

Seit 2016 gibt es eine Frauenquote für Aufsichtsräte und eine Reihe von Verpflichtungen zur Förderung weiblicher Führungskräfte. Bewirkt hat das laut aktueller Studien wenig. Auch wenn inzwischen vielfach bewiesen und bestätigt ist, dass ein höherer Frauenanteil im Management offenbar ein echter Erfolgsfaktor ist.

 

Gender Pay Gap

Die Statistiken zeigen: Der Gender Pay Gap bleibt nahezu stabil. Laut Statistischem Bundesamt ist seit 2002 der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern fast konstant. Das Ziel der Bundesregierung, den Verdienstabstand bis zum Jahr 2010 auf 15 % zu senken, wurde mehr als deutlich verfehlt. Bis heute bleibt der Unterschied von 21 % bestehen.

 

Girl´s Day

Am Girl´s Day öffnen Unternehmen, Betriebe und Hochschulen in ganz Deutschland ihre Türen für Schülerinnen ab der 5. Klasse. Die Mädchen lernen dort Ausbildungsberufe und Studiengänge in IT, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik kennen, in denen Frauen bisher eher selten vertreten sind. Oder sie begegnen weiblichen Vorbildern in Führungspositionen aus Wirtschaft und Politik.

Weltfrauentag

Der internationale Frauentag ist ein Symbol für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Dieser Tag wurde vor über 100 Jahren ins Leben gerufen. Überall auf der Welt finden Aktionen und Demonstrationen von Menschen statt, die sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen einsetzen.

Und jetzt?

Alle Initiativen – und das sind wohl nur die bekanntesten – scheinen nicht wirklich zu wirken. Zum Teil nicht mehr. Andere haben es nie. Auch der Weltfrauentag wird morgen wieder vergessen sein bis zum 8. März 2021.

Was machen wir damit? Resignieren kann wohl kaum der Weg der Wahl sein, aber vielleicht mal ein gemeinsamer Blick auf die Sache. Von Anfang an. Wir können nur das (vor)leben, was wir erleben.

Mit Kinderaugen

Nach der Geburt ist es immer noch mehr als üblich, dass Mütter in Elternzeit gehen und Väter sich für 2 Monate beteiligen. Was sich überzeichnet anhört ist nach wie vor Realität in Deutschland. Care Arbeit ist in großen Teilen Frauensache und auch wenn dies in gleichberechtigten Partnerschaften – insbesondere OHNE Kinder – anders aussehen mag, werden unsere Kinder durch genau diese Rollenbild geprägt. Und tragen es bewusst oder unbewusst weiter.

Spätestens im Kindergarten wird klar, dass Betreuungsberufe Frauenberufe sind. Der Erzieher ist Mangelware und auch dieses Bild prägt. Grundschulen sehen nicht anders aus – absolut weiblich geprägt. Gehälter liegen in diesen Berufen unter denen in typischen Männerberufen. Nicht immer, aber eben im Durchschnitt. Und genau darum nützt es genau für diese Berufe gar nichts, wenn wir auf Quoten in Führungspositionen pochen. Das Bild würde sich nicht ändern, es ist lange fixiert, die Prägung bleibt und auch der unbewusst entstehende Zusammenhang zwischen dem Frauenberuf und der niedrigen Bezahlung. Im Gegensatz zur dominierenden genetischen Veranlagung gegenüber der Erziehung schlägt in Bezug auf die Rollenbilder die Prägung voll durch. Es mag uns in die Wiege gelegt sein, was wir erreichen können, aber die Gen-Umwelt-Interaktion steigt mit jedem Lebensjahr an.

Da nützt der Girl´s Day ab der weiterführenden Schule wenig. Die erste Prägung ist da. Dabei bleibt eines oft unerwähnt: Frauen wählen diese Berufe ja nicht, weil sie nichts anderes bekommen, sondern weil sie sie gerne machen. Und das ist doch wunderbar so. Oft hören sich Frauen fast schuldbewusst an, wenn sie Pflegerin im Altenheim (in Teilzeit) statt Konzernchefin in der Metallindustrie geworden ist. Warum müssen wir um jeden Preis gendern und umorientieren, wenn doch augenscheinlich eine grundsätzliche Neigung zu bestimmten Berufsbildern besteht? Auch wenn es Schwarzweiß-Malerei ist: da helfen neue Gehaltsstrukturen in Care Berufen unendlich viel mehr als der nächste Girl´s Day (oder das Pendant des Boy´s Day). Jungen, die nie Erzieher oder Grundschullehrer erlebt haben, werden diesen Berufswunsch auch nicht äußern, wenn er ihnen auf dem Silbertablett (mit Blechbezahlung) präsentiert wird. Dass wir mit einer strukturellen Gehaltsänderung auf dem Weg die gravierenden Fachkräftelücken im Sozial- und Bildungsbereich schließen könnten ist nur ein unwesentlicher Nebeneffekt. (Vom Fachkräftemangel im Konzernchefinnenbereich hört man eher selten.)

Führungsnachwuchsträume

„76% der 15 – 24 jährigen Frauen wollen einmal eine Führungsposition in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft übernehmen“. So Plan International in 2019. Was sagt das aus? Wie können 15 – 24 jährige den Impact einer solchen Position bestimmen? Die Aussage an sich ist großartig, aber ein bisschen ist sie auch wie die Aussage, dass man Feuerwehrmann, Astronaut oder Ärztin werde möchte. Es ist ein Idealbild, was wir uns zeichnen, bevor wir wissen, wie die Arbeitswelt tickt – was das Leben bringt.

Und dann ist der Wunsch nach einer Führungsposition ganz schnell verpufft. Frauen im Machtkampf um Führungspositionen sind nicht zimperlich. Aber sie zeigen das nicht offen. Gestern noch auf der gemeinsamen Netzwerkveranstaltung (unter Frauen, versteht sich), morgen schon die Bewerbung an genau den heißen Kontakt geschickt, zu dem man der anderen gerade noch gratuliert hat.

Machtkampf unter Männern ist nicht besser. Aber ehrlicher. Hier wird nicht genetzwerkt, sondern sich zum Geschäftemachen getroffen. Die Fronten sind klar definiert. Wie sehr wünsche ich mir eine gesunde Mischung beider Gruppen. Diese Closed Shops sind der größte Verhinderer der Chancengleichheit. Und das ändern wir mit Sicherheit nicht, in dem wir darauf bestehen, die letzten 100 Jahre der Wirtschaftsclubs nun durch 100 Jahre Frauennetzwerke ausgleichen zu wollen, um dann irgendwann einmal gemeinsam voranzugehen. Wenn wir Frauen unsere eigenen MeetUps, Fitnessstudios und Messen haben wollen, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir auch unsere eigene Ecke zugewiesen bekommen. Weil es besser für uns ist. Und dabei schließe ich explizit alle Maßnahmen aus, die dem Schutz von Frauen dienen.

Solche female „Statussymbole“ machen uns stärker für den Moment, aber nicht dauerhaft stark. Wenn wir uns nur in Themen bestärken, die reine Frauenthemen sind, dann werden diese nicht tragen in einer Welt, die bunt ist. Zumindest wird es unverhältnismäßig lange dauern, bis sie es tun. Wir beschweren uns doch umgekehrt auch über vermeintlich typische Männerthemen wie Fußball, Kneipe und schnelle Autos.

Wenn wir es mit der Unternehmenswelt vergleichen, dann ist ein Fraueninkubator nur so gut, wie er nach außen wirkt. Das Innovation Lab „Frauennetzwerk“ muss sich in der Wirtschaft, im Leben behaupten. Beharrer gegen Rebellinnen – gewinnen werden wir nur gemeinsam. Dafür müssen wir aus den selbstgebauten Kokons auch ganz schnell wieder raus, bevor wir uns darin zu gut gefallen.

 

Familienplanung

Die Gründung einer Familie. Das KO jeder weiblichen Karriere – die schrägsten Fragen in jeder Diskussion und sprachlich scheinbar umso distanzierter, je mehr man aufeinander zugehen möchte.Man stellt sich gegenseitig lieber gar keine Fragen mehr als irgendein Fettnäpfchen zu erwischen…

Wir werden – und diese Diskussion ist wirklich ermüdend – den kleinen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau und die damit verbundene Fähigkeit zum Kinderkriegen – nicht ändern. Zumindest nicht kurzfristig. Das müssen wir doch einfach mal akzeptieren. Und damit umgehen. Denn immerhin entscheiden sich viele Frauen aktiv dafür, die Mutterrolle auch in einem Umfang anzunehmen, der keine Vollzeitbeschäftigung nebenbei ermöglicht. Und in vielen Fällen – wenn auch sicher nicht in allen – ist das eine Entscheidung von Mann und Frau. Und auch das ist Fakt: wir können entscheiden, wie wir das gestalten. Wir dürfen uns den Luxus erlauben zuhause zu bleiben oder weiterzuarbeiten. Reduziert vielleicht – in Umfang und Geld. Aber ganz ehrlich kann ja nun auch niemand von einem Arbeitgeber verlangen weniger zu arbeiten und gleich viel zu verdienen nur weil man die Wahnsinnsleistung (und das ist zur Abwechslung genauso gemeint) des Kinderbekommens bewältigt hat.

Wenn aber tatsächlich Mann und Frau im Jobsharing wieder einsteigen – dann  wären wir auf dem richtigen Weg. Der Mann reduziert genau wie die Frau seinen Stundenumfang. Das Recht auf Teilzeit also ist definitiv ein Plus in Sachen Frauenförderung. Aber für jeden Arbeitnehmer: reduzierte Wochenarbeitszeit als Schlüssel zur Gleichberechtigung. Gleichzeitig haben wir ein Bild der gemeinsamen Erziehung zu Hause. Ein Gefühl der gerechten Aufteilung. Einfach oder? So einfach vielleicht nicht, aber nur das wäre die Richtung eines gemeinsamen Verständnisses. Zeit ist der entscheidende Wert. Und das gilt mit Sicherheit auch für Menschen – egal ob Frau oder Mann – ohne Kinder.

Vom New Work zum New Women Work

Um anders zu arbeiten, als wir es über Jahrzehnte gelernt haben, brauchen wir ein ganz neues Denken. Das funktioniert aber nur über das eigene Erleben. Nicht per Verordnung von oben. Im Job schaffen wir Hierarchien ab. In der Frauenförderung erwarten wir, dass es „von oben“ geändert wird.

Liebe Mitfrauen, Ihr seid es, die Eure Männer zu denen machen, die Vollzeit arbeiten können, die keine Care Arbeit leisten, die in den Aufsichtsräten sitzen, während Ihr Sockenpaare sucht und die HandyApps Eurer Kinder oberserviert.

Macht Eure Partner und Eure Kollegen zu Euren Jobpartnern – in der Erziehung und in der Arbeitszeit. Sie sind Eure Unterstützer Richtung Sichtbarkeit und Möglichkeit. Und sie werden dann automatisch im Job auch zu einem Umfeld, das Bedürfnisse, Hindernisse und Lebenswirklichkeiten kennt. Wir haben Männern ihre Männerwelt immer möglich gemacht, uns dahinter versteckt. Wir tun es oft noch heute. Auch wenn wir uns in Zirkeln treffen, um darüber zu sprechen, um geheime Ränkepläne zu schmieden. Aber wir halten sie geheim und machen weiter wie bisher. Vielleicht hat der 30 Stunden Berater-Vater gar keine Lust mehr auf den Job im Aufsichtsrat, wenn er sich um Läuse, Fruchtspieße für das Klassenfest und das Reinigen des heimischen Badeparadieses kümmern muss. Und die 25 Stunden Controllerin bildet mit dem 15 Stunden Bilanzbuchhalter ein absolut effizientes Team, bei dem jeder auch noch genug Zeit für Sport, Weiterbildung, den Hausbau oder die Großeltern hat. Manche Dinge erledigen sich von selbst. Nur wenn wir alle die Vorteile erkennen, werden grundlegende gesellschaftliche Änderungen gelernt und akzeptiert.

Arbeit ist nicht das Zentrum des Lebens. Vielleicht das schwierigste Learning für manche.

Rollen (ver)teilen

Mit meinem Mann habe ich oft noch eine sehr klassische Rollenverteilung, die sich nach der Elternzeit (die ich hatte), seiner Vollzeittätigkeit und meiner Teilzeit lange fortgesetzt hat – und ich halte mich weder für rückständig noch für schwach. Es passte einfach. Ich bin gespannt, wie das läuft, wenn die Mädchen aus dem Haus sind… Das zu ändern ist allein mein Job – oder hat jemand eine verbindliche Quotenregelung, auf die ich mich berufen kann?

Ich habe andere Möglichkeiten des Arbeitens entdeckt, als ich mich mit meinem Businesspartner zusammengetan habe. Beide Arbeitswelten vereinigt habe und die Rolle „nur die Mutter in Teilzeit zu sein“ aktiv verlassen habe. Dazu gehört aber auch, sich mit der Männerwelt zusammenzutun und nicht zu versuchen, gegen sie zu kämpfen. Das wäre Energieverschwendung. Das dauert zu lange. Und ganz ehrlich ist ewige Konfrontation auch nicht unsere Art. Wir haben Möglichkeiten – wir müssen sie nutzen!

Gemischtes Doppel

Jobsharing – echtes Teilen von Rollen und Aufgaben. Eins plus eins ist mehr als zwei. Neue Führung erfahrbar und lernbar machen. Erstaunlicherweise passen wir als Doppel damit heute oft weder in die Frauen- noch in die Männerpanels. Wir sind so ein diffuses Ding dazwischen. Muss man gegen etwas sein, um für etwas zu stehen? Wir glauben das nicht.

Lange Rede, viele Spitzen, jede Menge Diskussionsbedarf und sicher auch viel Luft zum Aufregen. So soll es sein.

Aber wo soll sie denn nun hingehen – die Frauenförderung?

1. In Richtung Gehältergerechtigkeit für „Frauenberufe“ – wir müssen nicht die Neigung für bestimmte Berufe ändern, sondern die Rahmenbedingungen. Form follows function.

2. In weniger Selbstmitleid und mehr Selbstbewusstsein. Als Frau. Weniger Abgrenzung, mehr Integration und manchmal auch ein bisschen mehr Ellenbogen. Dann gibt es neben dem “wir dürfen ja nie” auch das “wir wollen gar nicht” seltener!

3. In mehr Teilen statt Trennen. Jobsharing – von Anfang an, wo immer möglich. Wenn beide wickeln, putzen, führen, zuhören, mitreden und Vorbild sind, dann sind das keine Diskussionspunkte. Dann wird Zeit fair verteilt. Das setzt sich im Job fort. Wer gewohnt ist zu teilen und dadurch mehr zu bekommen, der internalisiert dieses Prinzip.

4. In neue Arbeitszeitkonzepte. Am allerwichtigsten. Ungleichbehandlung passiert durch die Bevorzugung einer Beschäftigung (und dazu gehören eben längst nicht nur Erwerbstätigkeiten) gegenüber einer anderen. Je mehr wir kombinieren können, desto mehr Erfahrung teilen wir und desto mehr Verständnis entwickeln wir für die Aufgaben der/des anderen und deren Zeiterfordernis.

Schnell geht das sicher auch nicht. Aber Strukturen auf den Kopf stellen können wir nur gemeinsam. Radikal, was dem Wort nach „von unten“ bedeutet.

Radikal verändern – nicht weniger als das ist es nach wie vor –
das lässt sich leider nicht schön reden.

Wir sprechen uns in einem Jahr!

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