Julia Collard & Sven Schnitzler
Querdenkend und selbstorganisiert in die Verantwortungslosigkeit

Querdenkend und selbstorganisiert in die Verantwortungslosigkeit

Wir müssen mehr Querdenker einstellen. Und weniger vorgefertigte Stellen ausschreiben. Wir sollten den Menschen, mit denen wir arbeiten, sinnvolle Tätigkeiten geben, damit sie sich gewertschätzt fühlen und ganz von selbst zu Hochleistungen auflaufen. Dann werden wir fit für die Zukunft.

Recruiting-Trends

So oder ähnlich klingen doch heute Recruiting Tipps. Keiner würde mehr zugeben, dass er eine bestimmte Person für eine ganz eng umgrenzte Tätigkeit sucht – ihr am besten noch einen Jobtitel verpasst, der genau sagt, was diese Person jeden Tag (JEDEN TAG!!!!) zu tun haben wird. Nein, das ist nicht mehr in.  Aber ist das auch aus Bewerbersicht so?

Trend gegen Klarheit?

Bei Lehrern zum Beispiel ist uns allen ohne große Erklärung ziemlich schnell klar, was deren Aufgabe ist und was nicht. Immerhin ist das der Job, den wir uns ziemlich lange von der anderen Seite aus angucken konnten.

Oder beim Bäcker – da haben wir auch alle sofort ein Bild im Kopf. Ähnlich ist es beim Fliesenleger, Piloten, Gärtner oder dem Chirurgen (und selbstverständlich bei allen weiblichen Pendants dazu).

Nun will aber ja angeblich keiner mehr den einen Job machen, bei dem eventuell für den Rest des Lebens klar ist, was zu tun und zu lassen ist.

Arbeit bleibt Arbeit

Aber Aufgaben, die erledigt werden müssen, die gibt es nach wie vor. Und die sind mal spannender, mal weniger spannend, mal sinnstiftend und mal nicht – zumindest für sich genommen. Arbeit bleibt Arbeit. Die plakativste Kritik an falsch verstandenen New Work Bewegungen ist die so tun, also ob mit Bällebad und Tischkicker aus der öden Aufgabe des Monatsreportings die Erstellung einer lebendigen Zahlenblumenwiese wird.

Wenn also Arbeit Arbeit bleibt muss man das Problem, dass diese mitunter monotonen Aufgaben nun keiner mehr machen möchte, anders lösen:

Wir geben dieser Arbeit Jobtitel, die absolut attraktiv klingen, bei denen aber keiner mehr weiß, was denn die eigentliche Tätigkeit ausmacht.

Lösung: Titelbingo

Der Chief Evangelist zum Beispiel – was macht der eigentlich? Geschichten erzählen, die mündlich übertragen und mehr und mehr verfremdet werden?

Die Senior Happiness Managerin – läuft die ganze Zeit mit einem Lächeln durchs Unternehmen und verleiht den schlechten Quartalszahlen ein Sahnehäubchen oder dem Überbringer der Nachricht eine Massage? Fraglich, was der Junior-Part macht – Konfetti dazu werfen?

Und der Sandwich Artist belegt Brote mit Sicherheit mit sehr viel mehr intrinsischer Motivation, als wenn man ihn nur als Brötchenverkäufer bezeichnen würde…

Wohl kaum. Warum also diese zum Teil fast skurrilen Wortschöpfungen? Unternehmen und Recruiter nutzen hochtrabende Jobtitel als Strategie zur Erhöhung der Motivation ihrer Mitarbeiter. Wer einen wichtig klingenden Jobtitel trägt, fühlt sich schließlich wichtiger. Dadurch soll die Mitarbeiterbindung gefördert werden. Wir befürchten, es bewirkt das Gegenteil – aus Gründen der Orientierungs- und Verantwortungslosigkeit.

 

Unsere Erklärungsansätze:

1. Wir müssen etwas anders machen

Fachkräftemangel, Nachwuchsmangel, Aufmerksamkeitsdefizit. Ob das nun wirklich alles den Arbeitsmarkt schon an allen Stellen trifft ist fraglich. Aber allein die Andeutung eines Mangels führt zu kreativen Maßnahmen. Forscher hören nicht auf zu betonen, dass da eine wenig engagierte Generation auf uns zukommt, die wir immer mit dem Extrabonbon und hipper Wortwahl locken müssen. Es kann nicht so weitergehen wie bisher, weil eben keiner mehr die anstrengenden und eintönigen Jobs machen möchte. Gleichzeitig werden diese morgen schon durch KI ersetzt. Zwischen der Wirklichkeit, dass hoffentlich irgendwann körperlich einseitig belastende und auch gefährliche Jobs durch Roboter ersetzt werden können, und dem heutigen Fachkräftemangel, liegen Welten.

Und so wird es uns wenig helfen neue Jobs mit schrägen Titeln zu versehen, sondern es ist viel wichtiger, alten Jobs einen neuen Wert zu geben. Pflegekraft, Buchhalter, Frisör, Dachdeckerin, Kapitänin. Das sind Berufe – und sogar Berufungen!

2. Wir sind alle Selbstdarsteller geworden

Wir bleiben alle irgendwie immer „karrieregeil“. Auch wenn es Teilzeit sein darf, Home Office schick ist und das Fahrrad den dicken Dienstwagen klimapolitisch korrekt ersetzen muss: der Titel bleibt ein Aushängeschild. Das wird noch verstärkt durch die diversen Social Media Auftritte. HR Business Partner schlägt doch Personalsachbearbeiterin um Längen, oder? Real Estate Management statt Hausverwaltung? Wenn es aber plötzlich mehr CEO’s, Head of’s und Officer’s gibt als Menschen, die die Arbeit machen, wirkt das lächerlich. Glücklicherweise heißen ja Kinder heute auch wieder Fritz und Anna nach der Jaqueline-Chantal und Maurice-Jeremy-Pascal Welle.  

Es ist nur ein Titel – es macht uns nicht aus!

3. Wir können unsere Fähigkeiten entfalten und testen

Bekannte Titel und feste Stellenbeschreibungen schränken uns ein. Wir können unser gesamtes Potenzial gar nicht entfalten und Kompetenzen, die wir außerhalb von Diplomen, Urkunden und Zertifikaten erworben haben, kommen nicht zum Einsatz. Eine Grafikerin, die drei Sprachen spricht und leidenschaftlich gerne kocht – wie steht die da im Vergleich zu einer Köchin, die programmiert, zeichnet und fotografiert? Durch eine Stellenzeige als Grafikerin schließt man die Köchin aus und umgekehrt. Mit einer Anzeige als Kreative Quereinsteigerin im Marketingteam bekommt man den ganzen Blumenstrauß. (Oder eben auch keine von beiden – weil zu undifferenziert.) Eine Frage der Kommunikation.

 

Es geht um Verantwortung

Relevant im Sinne eines innovativen Recruitings ist ausschließlich Punkt 3. Tatsächlich sollte niemand mit 18 oder 25 Jahren sagen müssen, was die Aufgabe (der Beruf) für den Rest des Lebens ist. Aber das schaffen wir nicht, indem wir uns nicht mehr festlegen. Das werden wir nur leisten können, indem wir gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Die nämlich fehlt uns absolut im New Work- und Selbstorganisations-Kontext.

Sobald jeder von jedem ein bisschen macht, weil in wachsenden Organisationen Stellenbeschreibungen, Hierarchien und Strukturen fehlen, dann übernimmt auch viel zu häufig niemand mehr Verantwortung. Denn der Kollege oder die Projektpartnerin könnten es ja auch machen – „nimm Du den Ball, ich hab ihn sicher…“

Wir sind alle gleich viel wert, also gehen wir es mal langsam an.

 

Aufgabenkommunikation statt Vorgabe

Mit offenen Jobtiteln umzugehen heißt unbedingt auch zu wissen, welche Aufgaben es gibt. In vollem Umfang und mit allen Konsequenzen. Team- und Projektarbeit sind kein Rosinenpicken. Sie bedürfen erheblich mehr Verantwortung und transparenter Kommunikation, als es hierarchische Systeme benötigen. Und genau darum scheuen sich Konzerne und Großunternehmen vor grundlegenden Änderungen und übertünchen dies mit „agiler“ Einrichtung und hippen Jobbezeichnungen.

Wir verteilen nicht Titel oder Aufgaben, wir verteilen Verantwortung. Nur dass sich die unglaublich schlecht teilen lässt. Es muss sie jeder voll übernehmen. Denn alle anderen könnten Fehler machen – dürfen Fehler machen!  Und damit steigt die Verantwortung jedes einzelnen mit der Selbstorganisation – nicht mit dem „Head of…“

Umgekehrt klappt das in StartUps genau darum auch so gut. Das Ziel ist klar, alle ziehen an einem Strang, der erste kocht morgens Kaffee, die letzte stellt die Stühle hoch und macht das Licht aus. Sie bringen sogar den Müll raus – zusammen. Ohne dass das im Jobtitel steht.

 

Teampuzzle

Unser Bild eines Teams braucht sowohl Querdenker, Neustarter wie auch erfahrene Mitarbeiter, die die Gesamtzusammenhänge kennen und weitergeben.

Unser eigenes Team mit vielen Berufseinsteigern braucht klare Verantwortlichkeiten und damit auch mal enge Jobtitel. Was sich daraus entwickelt – da sind wir offen. Aber die eierlegende Wollmilchsau ist eine, die sich mit zunehmender Lebens- und Berufserfahrung entwickelt. Was Sinn stiftet und was Spaß macht – wie soll man das mit 20 Jahren wissen? In der Folge wäre man doch mit einer Stellenausschreibung als Answer Bar Representative total überfordert. Und würde sich in der ersten Linie des Beschwerdemanagements wiederfinden, was bestimmt nicht Sinn der Sache sein kann.

Wir müssen Arbeitsbedingungen schaffen, in denen sich Menschen wohl fühlen, damit sie konzentriert, überzeugt und voll informiert ihre Arbeit machen können. Gerne auch mit Spaß  aber bitte voller Verantwortung für die Arbeit und deren Erfolge, für die wir alle gemeinsam stehen.  Und gerne auch mit einem coolen Titel – job responsible team member vielleicht mit den wählbaren Zusätzen happy, lucky oder international 😉

 

Nachtrag

Die Bäckerin wusste vor 25 Jahren auch noch nicht, dass veganes Biobrot der Hit wird und Kenntnisse über allergene Stoffe einen erheblichen Anteil ihres Jobs ausmachen würden. Und der Lehrer konnte nicht ahnen, dass er Tablets statt Büchern einsetzt und rein rechnerisch mehr mit Eltern als mit Schülern kommuniziert – per WhatsApp-Chat…. Insofern sagt selbst der klarste Jobtitel nichts aus. Außer, dass wir ihn mit Inhalten füllen dürfen. Verantwortungsvoll, mit individuellen Kompetenzen und lebenslang lernend.

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