Das war sie also jetzt vorerst – diese schöne neue Arbeitswelt, in der sich Job und Freizeit selbstverständlich ergänzen, in der man das machen kann, was man wirklich, wirklich will. In der Arbeitszeiten reduziert, flexibilisiert und gleich ganz abgeschafft werden.

Corona hat den Mensch wieder zu einer Human Resource gemacht. Zumindest für den November 2020.

 

Quo vadis, New Work?

Wir sind bestimmt keine Pessimisten und zeichnen bei allen Unwägbarkeiten gerne positive Bilder der Zukunft – aber manchmal muss man der Realität auch mal kritisch (und ja, bestimmt nicht wasserdicht und leicht überspitzt) in die gerade etwas novembergrauen Augen blicken. Immerhin ist heute auch Allerheiligen. Passt ja irgendwie.

Nun wurde also für die kommenden 30 Tage Arbeiten und Lernen angeordnet und dem Vergnügen ein staatlich verordneter Riegel vorgeschoben. Mit Sicherheit keine einfache Entscheidung für die, die sie getroffen haben und mit ebenso großer Sicherheit eine notwendige – soweit in der aktuellen Situation überhaupt jemand in der Lage ist, länger als 14 Tage in die Zukunft zu schauen.

Ein halbes Jahr lang haben wir uns nach einer ersten Schockstarre gegenseitig auf die Schultern geklopft ob der Digitalisierung und des neuen Arbeitens, das in vielen Arbeits- und Lebensbereichen Einzug gehalten hat. Arbeiten von zuhause aus funktioniert (oh Wunder), Dienstreisen und innerdeutsche Flüge können tatsächlich durch Videocalls oder ein kurzes Telefonat ersetzt werden und selbst Lernen kann man digital.

Stopp. Wirklich?

 

Non vitae sed scholae discimus

Warum eigentlich genau bleiben die Schulen geöffnet? “Das Recht auf Bildung von Kindern und Jugendlichen kann am besten im Präsenzunterricht in der Schule verwirklicht werden”, heißt es in einem gemeinsamen Beschluss der 16 Bildungsminister in dieser Woche. Das ist absolut klar, wenn man weiß, dass an den meisten Schulen seit März dieses Jahres nicht wirklich viel passiert ist in Richtung Digitalisierung.  Von 5,5 Milliarden € aus dem Digitalpakt waren bis Juni gerade einmal 15,7 Mio. € abgeflossen. Über den „sprunghaften Anstieg“ des Mittelabrufs auf 680 Mio. € Anfang Oktober kann der sprunghafte Anstieg der Infektionszahlen nur müde lächeln.

Geöffnete Kindergärten sind ein Muss – so unsere Meinung, denn soziale Kontakte (und bitte nicht „verwahrte“ Kinder!) sind gerade in dem Alter entscheidend für die weitere Entwicklung, das gemeinsame Spielen und schließlich auch die Vorbereitung auf Schule und Beruf. Auch Grundschulen haben hier noch einen Auftrag, der mindestens so groß ist wie die der Schulbildung. Spätestens ab der weiterführenden Schule aber hätten wir längst sinnvollere Konzepte haben müssen.

 

Bildung & Digitalisierung

Vom Schichtsystem über virtuelle Klassenräume bis hin zu Fort- und Weiterbildungen des Lehrpersonals. Man spürt einfach nichts vom Digitalisierungsruck in den Schulen. Zumindest nicht in der Fläche. Während private Bildungsanbieter gerade fröhlich in diese Lücke springen – immerhin hat das Land Sachsen jüngst 20.000 Zugänge bei Sofatutor erworben – unterrichtet ein Großteil der Schulen unverändert analog. Selbst wenn der Fall Sachsens und einzelne individuelle Lösungen, die oft einer engagierten Rektorin oder einem digital fitten Stufenleiter zuzurechnen sind, ein Schritt in die richtige Richtung sind, spiegeln sie umgekehrt das Versagen des staatlichen Bildungssystems in Sachen Digitalisierung.

So ganz erklären kann man den Schülerinnen und Schülern ab Klasse 5 wohl auch kaum, dass sie sich zwar tagsüber mit 120 Menschen im Stufenverband durch die Schulräume mischen dürfen, nachmittags aber weder dem Sport oder der Musik als Ausgleich geschweige denn dem privaten Treffen nachgehen dürfen. Und da sprechen wir bei Weitem nicht von Partys.

Ist eigentlich ein Abitur vergleichbar, wenn Freizeit, Nachhilfe und gemeinsames Lernen wegfallen? Ganz zu schweigen vom Lehrerausfall, weil hier (nur wer Böses denkt schiebt es auf den Beamtenstatus, dem nebenbei wohl auch ein nicht unerheblicher Teil der Veränderungsgeschwindigkeit zuzuschreiben ist) überproportional viele Risikogruppen für den regulären Unterricht wegfallen?

Nicht für die Schule – sondern für das Leben lernen wir. Es ist eine harte Schule, durch die unsere Kinder da gerade gehen.

 

“Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.”

Im Gegensatz dazu haben die Unternehmen es ja geschafft.  Aber gar nicht so einfach gerade mit den Windmühlen, oder? Denn alles was Wind macht, verbreitet ja auch ordentlich Aerosole. Das haben wir gelernt. Auch wenn die Mitarbeitenden in unterschiedlichen Graden in flexiblen Arbeitszusammenhängen sind – um manches Home Office zieht sich auch eine ordentliche Mauer.

Da sind wir ganz bei Lars Vollmer: „Innovationen entstehen in einem komplexen sozialen Prozess: Ein Kollege wirft eine erste schmutzige Idee in die Runde, ein anderer nimmt sie auf, verändert sie, spielt sie zurück – und ein dritter verwirft das alles und kommt mit einer ganz neuen Idee. Innovation ist ein Resonanzphänomen. Und diesem komplexen Geschehen entziehen Sie eine wesentliche Basis, wenn in Ihrem Unternehmen Homeoffice zum Normalfall wird.“

Was als Notlösung im März gestartet ist und sich über Frühjahr und Sommer zu einem mehr oder weniger etablierten System entwickelt hat, wurde Richtung Herbst vielerorts langweilig. Wir Menschen sind in den meisten Fällen – und wie bei allen Beispielen hier gibt es absolut Ausnahmen und Gegenbeispiele – nicht für die Isolation gemacht. Das menschliche Wesen ist im höchsten Maße ein soziales Wesen, wenn man will ein Rudeltier.

Wir waren nicht erst das Eine (Bürohengste) und sind jetzt das Andere (Digitale Nomaden) zu 100%.

 

Carry on – nur nicht alle

Trotzdem muss also jetzt in veränderter Form – wo immer es denn möglich ist –  weiter gearbeitet werden. Wir brauchen die Resource Mensch. Aber auch hier ist der Maßstab alles andere als fair (wohlwissend, dass eine Pandemie als Ganzes kaum nach Fairness fragt).

Bereits 2017 hing jeder 17. Arbeitsplatz in Deutschland direkt, indirekt oder induziert vom Gastgewerbe ab. Die Gastronomie und Hotellerie gehören zu den ausbildungsstärksten Branchen. Die Anstrengungen in Richtung Hygienekonzept sind wohl in kaum einer anderen Branche so immens gewesen wir hier. Und jetzt: NICHT SYSTEMRELEVANT. Ebenso wie der Kunst- und Kulturbereich.

Ganz dünnes Eis – die Gefahr eine Spaltung der Gesellschaft (dafür muss man weder Schwarzmaler noch Hellseher sein) ist größer denn je. Unsere schöne neue Arbeitswelt hat zu keinem Zeitpunkt vorgesehen, dass derart autoritär entschieden wird, welcher Job stärker oder weniger stark zur Wirtschaft beitragen darf.

Wie ein Kunde aus dem Eventbereich diese Woche sagt: „Das macht mich wütend. Denn wo immer wir in der Geschichte hinschauen: keine Kultur hat sich entwickelt ohne Kunst. Kein Mensch kann ohne sie leben und lernen.“

 

Über Führung und Sichtbarkeit

So ungefähr zur Mitte des Jahres haben wir uns schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie viel Veränderung Corona nun wirklich in die Arbeitswelt gebracht hat – und vor allem, was davon positiv ist und was bleibt (https://doppeltspitze.de/bleibt-alles-anders-utopie-der-veraenderung/).

Veränderte Führung – das war in der letzten Woche wieder mehr als deutlich – bleibt ein Thema.  Auch stehen wir nach wie vor an der Weggabelung zwischen mehr und weniger Führung. Denn wenn nun das Büro (egal wo es sich befindet) mehr denn je zum zentralen Ort wird, dann braucht der eine genau mehr Leitplanke und die andere fühlt sich beschränkt. Führt man physische Meetings durch und sorgt so für einen minimalen „echten“ sozialen Kontakt, der nicht „hinter dem Bildschirm“ versteckt bleibt oder riskiert man damit die Gesundheit des Teams? Lässt man den Workshop, der unter Corona Bedingungen geplant ist, stattfinden und nimmt einen Vortragstag mit Maske, aber unter Menschen in Kauf? Oder fällt auch dieser Termin, wie so viele andere, auf die man sich gefreut, vorbereitet und hingefiebert hat, aus? Egal, welche Entscheidung wir hierarchisch oder demokratisch treffen – selten sind wir auf mehr Unzufriedenheit gestoßen, weil wir doch alle in unterschiedlichem Maß mehr denn je gefordert, ja sogar überfordert sind mit dieser Situation. Mit der fehlenden Perspektive. Das Licht am Ende des Tunnels ist gerade noch sehr, sehr schwach.

 

Digitale Sichtbarkeit

Wir haben keine Pauschalantwort und entscheiden sehr intuitiv. Sowohl, was Führung angeht wie auch das Maß an  „Command and Control“. Denn der ein oder andere schafft es gerade entgegen dem allgemeinen Credo „werdet sichtbar“ im (ungeübten) Home Office quasi zu verschwinden. Wir mögen Rudeltiere sein, aber genau in einem solchen Rudel gibt es sehr unterschiedliche Rollen – bewusst und unbewusst. Das wird aktuell sehr deutlich. Wir nennen  es das „Zoom-Phänomen“: es sind die Kollegen, die gerne ohne Video und Ton an Besprechungen teilnehmen. Selten war Sichtbarkeit so sichtbar!

Wie offensichtlich gleichzeitig, dass das Toolset (denn technisch beherrschen wir jetzt ja alle virtuelle Barcamps, Breakout Sessions, Lunch & Learns und selbst analoge Monster wie ZP Personal haben sich ins New Normal gerettet) nur ein Puzzleteil der Digitalisierung ist. Das Skillset holt gerade ganz gut auf, in Sachen Mindset haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

 

Freunde sind die Familie, die man sich aussuchen kann

Nein – aktuell leider nicht…

Nun wandern wir also im November durch die immer noch leidende Natur (denn ein bisschen weniger fliegen und reisen haben den Klimawandel nun auch nicht so weit eindämmen können, wie es uns der blaue Frühlingshimmel zu Beginn der Krise glaubhaft machen wollte). Schön ordentlich im Familienverbund oder mit dem einen Kontakt. Erinnert an früher, als in der Schule oder beim Sport der Streit dann vorprogrammiert war, wenn man sich den einen Freund oder die eine Freundin als „beste(n) Freund(in)“ auserkor und der Rest gekränkt zurück blieb.

Habt Ihr eigentlich schon Euren „heiligen“ Kontakt ernannt? Dann entschuldigen wir uns hiermit auch in Eurem Namen offiziell beim gesamten Rest unserer Freundes- und Bekanntenkreise: Seid bitte nicht sauer, dass wir Euch in den nächsten 30 Tagen nicht sehen. Wir dürfen uns leider uns nur mit den Kollegen, dem Supermarktverkäufer unseres Vertrauens (wegen der Connections zum Klopapier) und unsere engsten Familie treffen (auch wenn uns letztere inzwischen echt auf den Keks geht).

 

Ora et labora

Die deutsche Bedeutung des lateinischen Verbs laborare ist: arbeiten, leiden, leiden an, sich anstrengen, in Not sein und sich abmühen.

Danke für nichts, Corona!

 

Ora et labora

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