Gastbeitrag von Damian Thater

 

Für viele Menschen ist Beschäftigung das Fundament ihres Lebens, ihrer Persönlichkeit. Manche streben dabei nach Geld, weitere nach Macht, andere nach Erlebnissen, Erfahrung und Wissen. Ich zähle mich zu den Letzteren. Seitdem ich denken kann, bin ich neugierig. Ich wollte immer wissen, wie die Dinge funktionieren. Nun bin ich aber auch mehr Praktiker als Theoretiker, was bedeutet, dass ich meine Erfahrungen aus meiner eigenen Handlung beziehen muss statt aus Lehrbüchern.

 

Über mich – mein Hauptjob

Ich bin hauptberuflich Programmierer, also ausgebildeter “Informatiker für Anwendungsentwicklung”. In diesem Beruf habe ich gewisse Handlungsfreiheiten und Raum für Innovationen, nichtsdestotrotz bin ich angestellt, und deshalb werden ganz bestimmte Praktiken, Verhaltensweisen und Ergebnisse von mir erwartet. Es gibt Regeln und Leitplanken, nebst Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten – das Übliche eben. Lange Zeit hatte ich meinen Fokus absolut auf meine Fähigkeiten gelegt. Mit den Jahren hatte ich aber das Gefühl, ich verpasse etwas Bedeutendes, wenn ich nicht mal Alternativen zu sehen bekomme. Also habe ich Mitte 2013 beschlossen meinen Horizont zu erweitern. Und ich meine nicht die tageweise Teilnahme an Seminaren oder Konferenzen, ich meine Tiefergehendes.

 

Mein Hobby – mein Nebenjob

So entschied ich mich das Produkt meines Hobbys, ein Mobile-Game auf den Markt zu bringen und die Gesetze, Grenzen und Möglichkeiten der Wirtschaft “am lebenden Objekt” kennenzulernen. Konkret habe ich Jahre damit verbracht Spielmechanik zu erlernen, einen Plot zu entwerfen, Inhalte herzustellen und das Spiel selbst zu programmieren. Zum Schluss bot es Spielern weltweit zum Kauf an. Dieser Markteintritt war für ein Hobbyprojekt recht kostspielig und risikoreich. Darum war es für mich keine Option auf meinen bisherigen soliden Arbeitsplatz zu verzichten. Die nebenberufliche Tätigkeit war somit die äußerste Option. Auf dem Weg zum fertigen Produkt habe ich in meinem Mikrokosmos unfassbar viel gelernt:

 

  • Je länger ein Projekt dauert, desto wichtiger ist Hingabe und Leidenschaft, sowie die feste Überzeugung von dessen Erfolg. Andernfalls ist es bereits eingestampft, noch bevor es begonnen hat. Den nötigen Antrieb erhielt ich aus dem Feedback meiner Spieler und potenziellen Kunden.
  • Es ist sehr wichtig, sich nicht zu viel auf einmal vorzunehmen. Um die Menge der zu bewältigenden Arbeit zu schätzen, half mir meine bisherige Tätigkeit als Scrum Master. Planung für die nächste, kurze Iterationen, also etwa eine Woche, war Pflicht.
  • Natürlich musste ich für die Mobilgeräte eine neue Programmiersprache und passende Tools erlernen. Das hilft mir nun aus einem breiten Spektrum an Werkzeugen die beste Wahl zu treffen.
  • Die Wirkung von Social Media konnte ich am eigenen Leib erleben. Aufmachung, Umfang, Häufigkeit und Tiefe der Beiträge mussten je nach Situation aufwendig vorbereitet und zeitlich passend veröffentlich werden. Der Feedback kam prompt und hatte sowohl Höhen, wie Tiefen. Ich habe dadurch mehr Vertrauen in meine Arbeit erhalten und an Bodenständigkeit gegenüber Aussagen zum Produkt gewonnen. Ich nehme Feedback sehr ernst, versuche aber heute nicht alle Kritik persönlich zu nehmen.
  • Die Software benötigte Investitionen, etwa für Lizenzen und Hardware. Einen Groben Überblick über die kommenden Kosten waren wichtig, damit das Spiel letztendlich immer noch wirtschaftlich bleibt. Ein einfacher Kostenplan gehört zum Handwerk dazu.
  • Ressourcenmanagement beschränkte sich nicht nur auf Geld, sondern auch auf Zeit und Fitness. Ich musste lernen mit wenig Zeit zu haushalten und meine Gesundheit im Auge zu behalten.
  • Ohne einen minimalen Sinn für Storytelling, hätte ich den Plot für das Spiel nicht mal annähernd rund hinbekommen. Ausgehend von den positiven Rezensionen nehme ich an, dass ich nicht ganz danebengelegen habe.
  • Testing ist Trumpf. Was ich bereits wusste, konnte ich wirksam erneut unter Beweis stellen. Ohne ein Minimum an Unittests hätte ich den Code vermutlich bereits mehrfach aufgegeben. So aber konnte ich die Arbeit selbst nach einem kompletten Jahr Pause bedenkenlos fortsetzen.
  • Ich durfte Fehler machen, so viele und sooft ich wollte. Niemand hatte das Recht von mir Rechenschaft zu verlangen, außer meine Spieler und zahlenden Kunden.
  • Ein Sabbatical bei der Nebentätigkeit war nötig, um Abstand zu gewinnen, die gesamte Situation meines Projekts zu rekapitulieren und neue Kraft für den bevorstehenden Rest zu tanken.
  • Die Erkenntnis, dass ich ein so komplexes Produkt, wie das Mobile-Game kein zweites Mal alleine entwickeln kann, war die bitterste Lehre der jahrelangen Arbeit. Daraus folgt tiefe Demut und Respekt allen Solopreneuren und Start-Ups, die ihre Träume auf ähnlich langen Weg verwirklicht haben oder es noch tun.
  • Nicht zuletzt bin ich auch ein wenig stolz auf das Ergebnis.

 

Es ist ein Spiel!

Das Spiel hat also bis heute gute Bewertungen und wird täglich gespielt. Ich freue mich, wenn ich damit einigen Spielern einige schöne Stunden bescheren konnte. Viel zu tun gibt es aber nicht. Um also nicht wieder in den Alltagstrott zu verfallen, habe ich 2018 beschlossen meine Erfahrungen zu teilen. Genauer, wollte ich einen Programmierkurs in meiner Umgebung starten. Der Kurs sollte 10 bis 15 Wochen lang laufen und bis zu sechs Codern beim Lernen einer Programmiersprache helfen. Ich stellte mir vor 10 bis 12-jährige zu unterrichten, weil ich denke, dass heutige junge Menschen zwar einen hohen Medienkonsum vorweisen können, aber auch wissen sollten wie die Medien mit Leben gefüllt werden. Zu meiner Zeit gab es keine Nachhilfe im Programmieren. Wir waren froh den C64 bedienen zu können, geschweige denn zu programmieren. Programmierer waren rar.

 

Erfahrung teilen – aus Lernen entsteht Lehren und umgekehrt

Ich suchte also einen Hort für die Trainings. Mit meinem Vorhaben lief ich bei der Caritas offene Türen ein und erhielt einen Raum, dazu einen Schlüssel und einen Vertrag. Dieser erlaubte mir offiziell als ehrenamtlicher Trainier für die Caritas zu unterrichten. Dieser Abschnitt einer nebenberuflichen Tätigkeit war nun wieder etwas völlig anderes. Nun war ich mit einer Gruppe neugieriger Jugendlicher zugange. Dies bot mir erneut völlig neue Ansichten auf Zusammenarbeit und Bildung. Und wieder habe ich viel gelernt:

  • Junge Menschen können sehr fordernd sein. Aber Freude und die staunenden Blicke begeistern mich und sind unbezahlbar.
  • Kontextwechsel sind sehr wichtig. Während im tagsüber in der Rolle des Programmierers tätig bin, bin ich am Abend Trainer, der zum Programmieren anleitet.
  • Langweilige Vorträge will niemand hören. Darum mache ich mir nun Gedanken für interessante Texte und Storys.
  • Die Leitung einer Teenagertruppe verlangt viel Verantwortung. Es müssen Geräte beschafft und vorbereitet werden. Jugendliche werden von ihren Eltern vertreten. Unstimmigkeiten können bestenfalls in Diskussionen ausarten. Die Gruppen stellten meine Gelassenheit dabei auf die Probe.
  • In einem Kurs, der behauptet, dass jedes Kind mit Haushaltsmitteln programmieren lernen kann ist Minimalismus eine wichtige Voraussetzung. Ich musste mir Gedanken machen, welche Tools ich den Kids an die Hand geben kann, ohne sie zu überfordern. Das förderte meine Fähigkeit der Einschätzung von Kompetenzen.

 

Über den Tellerrand blicken

Mein Blick über den Tellerrand meiner überwiegend fremdbestimmten Arbeit hatte jede Menge Impulse ausgelöst. Ich interessiere mich nun auch im regulären Job viel mehr für die Wirksamkeit meiner Tätigkeit. Ich kenne neue Programmiersprachen und Konzepte zur Bewältigung von neuen Problemen. Ich versuche viel bewusster Mehrwert schaffen. Ich versuche auch meine Arbeit möglichst Ressourcen schonend zu erfüllen. Ich schaue viel genauer auf die Arbeitsweisen meiner Kollegen, möchte von ihnen lernen und fördere offenen Austausch zu den Themen die uns ausbremsen, beziehungsweise beschleunigen.

 

Fazit

Insgesamt kann ich jedem empfehlen sich selbst auf diese Reise zu begeben. Es gibt viel zu erkunden, erfahren, lernen und ausprobieren. Und wer weiß, vielleicht verbirgt sich hinter einen zurückhaltenden, stillen Mitarbeiter der nächste Elon Musk.

 

 

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