#78 Gastebeitrag von Julia Wieland

 

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich angefangen habe zu verstehen, dass unsere Arbeitswelt sich verändert und wir unsere Zusammenarbeit folglich ebenso ändern müssen. Es gab dazu keinen Auftrag, aber ich habe seitdem einige Experimente und Initiativen gestartet. Das war soweit okay. Jenseits der offiziellen Hierarchie konnte so einiges wachsen. Wenig sichtbar zu sein war hilfreich, um überhaupt erst mal das Neue auszuprobieren und andere Pioniere zu finden.  Damit aus Experimenten mehr erwachsen kann, braucht es mehr Sichtbarkeit.

Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt und scheue die Bühne. Aber im Gespräch über den nächsten Entwicklungsschritt in unserer Organisation, brachte es meine Kollegin Anne Schreiber auf den Punkt:

Wir brauchen einen Leuchtturm.

Jemanden, der unserer Organisation Orientierung gibt, wie wirksame Zusammenarbeit im komplexen Kontext gelingen kann. Wir brauchen dich dazu.

Okay? Okay! Also wurde es mein Ziel in meinem neuen WOL Zirkel. Meine Vision war eine neue Form der Zusammenarbeit, die uns anpassungsfähiger macht und auf Kollaboration basiert.  Mit diesem Bild einer neuen Zusammenarbeitskultur haben ich am „Leuchtturm sein“ gearbeitet – zusammen mit meinen internen und externen Netzwerken. Dabei haben mich die Fragen aus einer Übung der Liberating Structures geleitet:

“Wo habe ich die Freiheit, nach eigenem Ermessen zu handeln? Was kannst ich tun, ohne nach zusätzlichen Ressourcen oder Erlaubnis fragen zu müssen?”

Ich habe Schritt für Schritt Gelegenheiten gesucht und geschaffen und erst im Rückblick begriffen, was das bedeutet. Bin ich am Ende der Geschichte? Bestimmt nicht, aber wir haben viel in Bewegung gebracht. Habe ich es allein geschafft? Auf gar keinen Fall und zum Glück musste ich das nicht. Was ist dann die Geschichte? Es ist die Geschichte von wirksamer Veränderung – wie aus etwas klitzekleinem etwas Großes erwachsen kann.  Es ist die Geschichte wie ich zu einem Leuchtturm für eine neue Zusammenarbeitskultur wurde:

„Die kleine Gruppe ist die Einheit der Transformation.“ (nach Peter Block)

Die Gruppe ist für mich die Keimzelle von Kollaboration. Wir haben in der der SMA Solar Technology AG bereits einige Erfahrung mit agilen und selbstorganisierten Projektteams. Communities als Form der organisationsübergreifenden Zusammenarbeit allerdings sind neu für uns. Und für mich wurde daraus eine ganz neue Aufgabe in 2019:

Marcella, Markus und ich starteten eine Facilitator Community. Wir lernten dabei auch viel über unsere unterschiedlichen Selbstverständnisse und Arbeitsweisen als Moderator*innen, vor allem aber über Community Building. Wir sind nun eine Gemeinschaft von Moderator*innen aus sehr unterschiedlichen Professionen und entsprechend unterschiedlichen Perspektiven und Kompetenzen. Dieser Reichtum an Diversität ist ein echtes Geschenk für mich.

Und das ist auch die Erfahrung  mit unserer  „Digital Guide Community“. Wir, ein Kernteam mit Bechir, Janosch, Marco, Marten, Steffen und mir, starteten Ende des Jahres auch endlich mit unserer Digital Guide Community, um unsere Kolleg*innen dabei zu helfen, die O365 Tools effektiver zu nutzen. Wir haben für die Gründung länger gebraucht als gedacht, aber wir wollten bewusst keinen klassischen Top-Down-Ansatz, wohlwissend, dass es nicht die eine richtige Nutzung geben kann, sondern wir eher dezentral Orientierungshelfer brauchen. Gemeinsam sind wir auf dem Weg und entwickeln gemeinsam Strahlkraft.

“Wir ändern die Welt, einen Raum nach dem anderen.” (nach Peter Block) 

 Ein Raum ist der digital Raum: Vom Online Meeting über hybride Workshops bis hin zu zwei großen Gruppenevents konnte ich den digitalen Raum erkunden und zu einem Ort der Zusammenarbeit machen. Manchmal habe ich auch „auf die harte Tour gelernt“ – oder aus Fehlern, wie man so schön sagt. Aber ich durfte sie eben auch machen und selbst die Schwachstellen erkennen. Das ist so viel wertvoller, als im Schutzraum zu testen.

Also: große Events brauchen mehrere Moderator*innen – das gilt immer, aber umso mehr im digitalen Raum, wenn die Technik immer wieder für Überraschungen sorgt.

Für mich einer der wichtigen Aspekte in der digitalen Zusammenarbeit ist auch die Sprache: die Technik steht nicht im Vordergrund, sondern der Mensch. Und wie bringen wir das zum Ausdruck, wenn wir uns nicht greifbar gegenüberstehen können? Ist Technik nur ein notwendiges Übel oder ermöglicht sie eine wunderbare neue Dimension von Zusammenarbeit?

„Narrative“ lässt sich oft nur diffus übersetzen – aber es ist genau das: Geschichten erzählen mit Hilfsmitteln – optisch oder physisch. Spannung erzeugen, Beteiligung fordern, neue Zusammenhänge erzeugen.

Die Menschheit erzählt seit jeher Geschichten und das über alle Grenzen hinweg!

Das ist es, was Kommunikation ausmacht. Die Organisation entwickelt ihre eigene Sprache, die alle verstehen. Ein unglaublich komplexer, aber absolut verbindender Prozess!

Zusammenarbeit endet natürlich nicht an den Organisationsgrenzen. Wir sind kein Organisationssilo und machen das alles um unser selbst willen. Und die digitale Zusammenarbeit funktioniert auch in den Sozialen Medien. Umso mehr hat es mich gefreut als Botschafterin des IOMsummit2019 genau diese Erfahrung weiterzugeben, neue Kreise zu ziehen, weiter zu leuchten. Vor allem die Diskussion auf Twitter bei meinem Twittertakeover war dank Rainer Bartl als ESN-Experten und allen Mit-Diskutierenden eine wunderbare Lernerfahrung. Auch asynchrone Diskussionen basieren am Ende auf Zuhören, Nachfragen und gemeinsamem Erforschen. Mehr braucht es nicht. Und doch ist das so unendlich viel.

Die Krönung dieser Entdeckungsreise: ich habe mich verliebt in „den“ digitalen Raum der Zusammenarbeit, der eine eigene Qualität hat. Das würde ich gern weitergeben: Die Reduzierung der Sinneskanäle habe ich am Anfang als Beschränkung und Nachteil empfunden und mit der Zeit gelernt, dass ich mich auf die verbleibenden Sinneswahrnehmungen besser konzentrieren kann und auch die Zwischenpausen der Gespräche durch den Stummschalter etc. sind eine Chance für Entschleunigung, Was sich so technisch und steril anhört ist ein Set von Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten, wie ich es vorher nicht für möglich gehalten hätte.

 “…echte Transformation passiert nur durch Wahlmöglichkeiten.” (nach Peter Block) 

Als Organisationsentwicklerin arbeite ich bereits lange in Veränderungszusammenhängen. Ich weiß um Kompromisse, Top-Down-Entscheidungen und Rückschläge. In dem Moment, in dem ich die klassischen Change Projekte zurückgestellt habe, mich auf meinen Einflussbereich und kleine Schritte konzentriert habe, habe ich mich als so viel wirksamer wahrgenommen. Ermöglichen fängt ganz klein an, erfordert eine absolut klare Position und Kommunikation und kann von da aus unglaubliche Wirkung erzeugen.

Ich durfte so viel ausprobieren und lernen. Einige Kolleg*innen können den Spruch: „Veränderung passiert außerhalb deiner Komfortzone“ vermutlich nicht mehr hören.  Gerade im Kontext digitaler Zusammenarbeit wird es oft anstrengend. Aber auch sonst: Veränderung ist kein entspannter Sonntagsspaziergang, sondern meistens eine Expedition ins Ungewisse.

Aber eines ist sicher: wenn ich Menschen ohne Vorbehalte und bewusst einlade mitzumachen, dann werden sie zu Möglichmachern und zu Mitgestaltern. Sie machen sich selbst dazu. Das macht den Unterscheid – niemand möchte „gestaltet“ oder gar „verändert“ WERDEN. Aus der Komfortzone gedrängt WERDEN. Es geht um die Initiative aus mir selbst heraus. Dafür bin ich wohl ein Beispiel.

In einem der Veränderungsinitiativen habe ich allerdings auch erlebt, wie sich Menschen gegen die Veränderung entscheiden oder sich selbst aus der Rechnung herausnehmen: „die anderen“ müssen erst dieses und jenes tun.  Damit macht sich jemand abhängig und gibt die Verantwortung für den eigenen Kontext ab. Das ist erst mal bequemer. Die Entscheidung, ob ich immer nur auf den sogenannten Zirkel des Bedenkens (Circle of Concern) gucke und dann abhängig bin von anderen oder ob ich mich auf meinen eigenen Einflussbereich (Circle of Influence) und dann mit Babyschritten die Veränderung anfange, diese Entscheidung kann nur jeder und jede selbst treffen. Und ich muss diese Entscheidung aushalten und kann nur weiter einladen in die Mitgestaltung unserer Zukunft.

“Erst werden sie Dich ignorieren, dann werde sie über Dich lachen, dann werden sie dich bekämpfen. Und dann siegst Du! ” (nach Mahatma Gandhi) 

Die Ignoranz hat den zarten Graswurzelpflänzchen am Anfang gut getan. Sie konnten wachsen, ohne direkt zertreten zu werden. Die Angst, nicht ernst genommen werden, bestand über all die Zeit, denn in der Tat ist Kollaboration kein (unmittelbar) messbarer Erfolgsfaktor aus Unternehmenssicht.

Am Ende bin ich ein Leuchtturm geworden ist – für alle Mitdenker, Mitleuchter und Mitmacher. Mir ist klar geworden, dass ich nur, wenn ich selbst sichtbar bin und leuchte, besser gefunden werden kann und Menschen besser dazu einladen kann mitzumachen und so die Veränderung weitertrage. Wer im Rampenlicht steht wird auch mit allen Makeln ausgeleuchtet – Das muss man auch aushalten können. Dafür braucht es viel innere Arbeit und Reflektion. Und es geht nur im Netzwerk. Und das ist die Quintessenz meiner Lernreise: um zu verändern brauchst du ein Netzwerk aus Menschen, denen du wichtig bist und mit denen du deine Erfahrungen teilen, Erfolge feiern und Rückschläge reflektieren kannst.

Ich bin darum dankbar für mein wundervolles Netzwerk. Die tollen Menschen, die mir geholfen haben, resilient zu bleiben und die eine echte Quelle der Freude sind.

Danke für alles Reflektieren und Kalibrieren: Anne Schreiber, Lina Sabine Soldner, Steffen Obermann and Caroline Rennie, Daniella Cunha Teichert, Katharina Krentz, Martina Pumpat und Rainer von Leoprechting. Für alle Inspirationen und Lernmomente an Anja Ebers, Alexandra Perl, Bechir Hammami, Janosch Fricke, Kathrin Bischoff, Lydia Lintz, Magnus Rode, Marc Habenicht, Marcella Toby, Marco Oehler, Marten Hornbostel, Moritz Meissner, Oliver Ewinger, Oliver Pinkoss, Petra Storck, Rainer Bartl und noch so vielen weiteren tollen Menschen. Ein besonderer Dank geht an  Harald Schirmer, der immer unser digitaler Leuchtturm ist und bleibt.

Warum?

Eigentlich wollte ich nur sichtbar, deutlich und öffentlich danke sagen für die Unterstützung und die echte Kollaboration mit meinen Kolleg*innen. Dann fragte mich Marc Habenicht  beim Redigieren:

WARUM hast Du diesen Artikel wirklich verfasst?

Und da ist natürlich mehr: Wir können ein System nicht ändern. Aber wir können uns ändern. Und weil wir Teil dieses Systems sind, verändern wir es. Schrittweise.

Veränderung startet bei mir. Mit mir. Das hört sich so klein an. Ist es aber nicht. Ich möchte Mut machen zu Veränderung, dazu selbst zu starten, auf Lernreise zu gehen, zu wachsen, Kreise zu ziehen und zu verändern. Ich habe es erlebt. Es geht!

Quellen:

Peter Block: Community – The Structure of Belonging 

Stephen R. Covey: The 7 Habits of Highly Effective People

https://workingoutloud.com/

Julia Wieland ist Strategic Organizational Development Specialist bei der SME Solar Technology AG.

Ihre Geschichte hat sie im Original erzählt unter https://www.linkedin.com/pulse/my-2019-reflection-becoming-lighthouse-being-change-agent-wieland/

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