Julia Collard & Sven Schnitzler
Ich bin Diplom-Juristin

Ich bin Diplom-Juristin

#59 Gastbeitrag von Daniella Domokos

Jura – Hurra –  Ich habe bestanden!

„Egal wie es gleich ausgeht, du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hast dein Bestes getan. Denk daran, das Leben geht weiter.“

Mittwoch, 24. Juni 2019, 13:50 Uhr

Die letzten Minuten bevor ich die Webseite des Bayerischen Justizprüfungsamtes aufgerufen habe, um die mehrseitige Datei mit diversen Zahlenkombinationen aufzurufen. Zwei Spalten, Jura, links bestanden, rechts durchgefallen. Strg + F, und die Zahlen eine nach der anderen eintippen.

Bloß nicht in der rechten Spalte landen…bleib bitte links!

Stille, um Dich herum alles leise und Dein Herz macht einen langen Aussetzer. Bestanden!

Ist das meine Note?…

Sind das meine Punkte?…

Schnell die Nummer nochmal checken…..

Ich habe wirklich bestanden!

Das heißt nächste Woche Freitag mündliche Prüfung in Jura! Und ich habe seit 3 Monaten nicht mehr gelernt!

Ich habe alles vergessen!

Und ab August bekomme ich keinen BaFÖG mehr!

Und einen Job habe ich auch noch nicht!

Ich weiß auch nichts mehr!

Hilfe!

 

So meine Gedanken an diesem besagten Tag, an dem ich erfuhr, dass ich ganz bald den Titel Diplomjuristin- Univ. führen darf und mich von meiner Alma mater in wenigen Wochen verabschieden darf.

Angst, Freude, Glücklichsein, Panik. Innerhalb von wenigen Minuten entscheidet ein (digitales) Dokument über die Zukunft mehrerer Hundert oder Tausend Studierenden, angehenden Juristen und Juristinnen deutschlandweit. Innerhalb weniger Tage müssen sich viele alles, wofür man 12, 18 oder sogar noch mehr Monate gebüffelt hat, wieder ins Gedächtnis rufen, Protokolle lesen, sich mental auf mehrere Stunden mündliche Prüfung vorbereiten. Wann war eigentlich die letzte mündliche Prüfung? Vermutlich im Abitur vor  4 bis 6 Jahren.

3 lange Monate

Seit dem schriftlichen Teil des Ersten Juristischen Staatsexamens sind 3 Monate vergangen. 12 lange Wochen, in denen viele Urlaub gemacht, andere weiter gelernt und wieder weitere, wie ich auch, gearbeitet oder ein Praktikum gemacht haben. 12 Wochen bangen, Angst und permanente Anspannung. 3 Monate, in denen man einfach nicht vorangekommen ist. Die Bewerbungen wurden abgelehnt, schließlich habe man ja bisher keinen Abschluss, die Stunden im Büro oft einfach viel zu lang und einen anderen Gesprächsstoff hatte man auch nicht wirklich. Wie soll es weiter gehen? Wie soll man sich auf alle Szenarien vorbereiten? Wie viele Alternativpläne kann man eigentlich haben? Und was ist schlimmer: Studienkredit oder 2 Tage die Woche kellnern gehen, damit man sich bis zum Verbesserungsversuch refinanzieren kann?

Ich nenne die Zeit einfach nur Psychoterror.

Kein Wunder, dass die meisten Juristen ihr ganzes Leben lang immer wieder davon träumen das Staatsexamen nicht bestanden zu haben.

„Herzlichen Glückwunsch Frau Juristin“

Und dann steht man plötzlich da, im Gerichtssaal des Landgerichts und darf der Prüfungskommission die Hand schütteln, ProfessorInnen, (Staats)AnwältInnen oder RichterInnen, die einem ein ermutigendes „Herzlichen Glückwunsch Frau Juristin“ mit auf den Weg geben.

6 Jahre Jurastudium, 6 Jahre, in denen man Tag ein Tag aus nur bangen durfte, ob es jemals für das Examen reichen würde. Über 800 Studierende haben mit mir im Wintersemester 2013/2014 angefangen, ca. 115 haben davon zum Prüfungstermin 2019/I bestanden und wurden zur mündlichen Prüfung zugelassen.

Jura – und jetzt?

Endlich entspannen, endlich Urlaub! Endlich die verdiente Pause! Pustekuchen! Denn will man direkt im September seinen Verbesserungsversuch schreiben, muss man sich innerhalb von 3 Tagen nach der Bekanntgabe der Ergebnisse anmelden. Oft also noch vor der mündlichen Prüfung.

Oder will man direkt zum nächsten Termin in das Jura Referendariat starten?

Vielleicht aber woanders? In einem anderen Bundesland?

Welche Bedingungen gibt es dort nochmal?

Was muss ich alles einreichen?

Oh, die Frist wäre gestern gewesen!

Bis wann müsste ich meine Wohnung eigentlich kündigen?

Und für Würzburg?

Will man eigentlich Referendariat machen?

Oder Doktorarbeit?

Oder Reisen, Jobben, Pause?

So viele Fragen, die plötzlich wie aus dem Nichts auf einen zukommen.

Und was ist, wenn man nicht bestanden hat?

Wann soll man den erneuten, oft letzten Versuch wagen?

Wie soll man das Ergebnis den Freunden, der Familie und den Bekannten mitteilen?

Dass man gescheitert ist?

Dass man eben zu den 30% gehört, zu denen man niemals gehören wollte?

Dass man nach 6 Jahren Studium ohne alles da steht, weil die Studienleistungen der letzten Jahre niemanden interessieren?

Hier aufzustehen ist unfassbar schwierig und ich würde jedem raten sich die Zeit zu nehmen, die Wunden verheilen zu lassen und Kraft zu tanken. Denn diese Kraft wird man für den nächsten und letzten Versuch definitiv brauchen. Es ist eine schwere Entscheidung und das Examen fordert wirklich einiges an mentaler Stärke. Viele haben nach dem Examen mit psychischen Störungen zu kämpfen, viele schaffen es nicht, sich nochmal für die Prüfungen anzumelden. Viele sind einfach nur kaputt. Und dann gibt es ja noch diejenigen, über die man nicht redet: diejenigen, die endgültig durchgefallen sind.

Ich hatte Glück. Ich habe vieles auf Lücke gesetzt, nichts davon kam im schriftlichen Teil dran. In der mündlichen Prüfung wurde der Kandidatin neben mir die Frage gestellt welche Ansichten in Bezug auf den Erlaubnistatbestandsirrtum vertreten werden. Ich hätte die Frage nicht beantworten können.

Anmerkung der Red.: unfassbarer Exkurs 😉

Abgerechnet wird zum Schluss.

Ich kann mich abschließend nur wiederholen:

“Man sagt, dass ein erfolgreiches Jurastudium von 3 Faktoren abhängt: Glück, Frustrationstoleranz & Durchhaltevermögen und Wissen.

Faktor Nr. 1 kann man leider nicht beeinflussen,

Faktor Nr. 3 sollte mit einem konsequenten Plan kein Problem sein. […]

Am besten hört ihr damit auf, Euch mit anderen zu vergleichen, anderen zuzuhören und irgendwelche Horrorgeschichte auszumalen. Man muss nicht seinen eigenen Lernplan, die geleisteten Studenten oder die Anzahl der Karteikarten an denen der anderen messen. Wenn man seinem eigenen Lernplan folgt, sich konsequent durchbeißt und die Basics kann, dann sollte es reichen.”

Schließlich hat es bei mir auch gereicht. Ich kann die Frage, mit der ich im September 2013 begrüßt wurde, „wie ich als Ausländerin auf die Idee käme Jura zu studieren“ endlich beantworten:

EINFACH SO!

Ich bin Diplomjuristin!

Kann mich bitte jemand zwicken?

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