„Das ist die perfekte Welle“ war 2009 ein absoluter Hit von Juli. Im Text geht es um einen Menschen, der bisher nicht so viel Glück im Leben hatte und plötzlich die perfekte Welle erwischt – den Moment, auf dem er scheinbar wie von selbst durchs Leben gleitet. Surfer warten auf die perfekte Welle. Sie starren oft stundenlang auf den Ozean und warten. Sie sind die Masochisten unter den Sportlern. Denn die perfekte Welle kann genau zwei Dinge bringen: den perfekten tag, wenn Du auf ihr gleitest oder sie reißt Dich mit. Mit aller Naturgewalt. Unbarmherzig. Ohne Rücksicht auf Verluste.

So komme ich mir als Künstler heute vor. Nur dass niemand von uns auf diese Wellen gewartet hat. Wer sich für den Beruf des Entertainers, für Selbstständigkeit, Ungewissheit, die Anhängigkeit von Fans entscheidet, der hat mit Sicherheit auch etwas Masochistisches an sich. Denn diese Künstlerszene ist wilder als ein Ozean im Sturm. Der Wechsel zwischen getragen und mitgerissen werden ist eng getaktet – fließend, um im Bild zu bleiben.

 

Start 2020

Das Jahr 2020 hat mit einer perfekten Welle begonnen: viel neue Projekte bei noch mehr Arbeit. Denn wenn man von den Stars und ihren Verdiensten in den Medien liest, dann ist das ja wirklich nur eine winzig kleine Spitze des Eisbergs „Künstlerszene“, deren größter Teil unter der Oberfläche des Reichtums, des Rampenlichts, dem Scheitelpunkt der perfekten Welle verborgen liegt. Aber genau so mag ich es. Wenn ein kleines oder größeres Engagement das Nächste jagt, wenn kaum Zeit zum Luftholen bleibt in diesem rauen Ozean.

1. Welle

Dann kam Corona. Eine Welle bisher unbekannten Ausmaßes. Eine Monsterwelle. Sie hat uns überrollt und gleichzeitig den Boden unter den Füßen weggezogen. Von einem auf den anderen Tag war da nichts mehr. Kein Auftrag, keine Bühne, kein Publikum. Man mag es für leichtfertig halten, dass die meisten von uns Künstlern so gut wie keine Rücklagen oder kein zweites Standbein haben. Aber erstes funktioniert eben oft nur an der Spitze des Eisbergs und zweites wären nicht wir, die wir mit Herz und Seele für unsere Passion, für unsere Begabung für unser Talent brennen. Wir „opfern“ den Sicherheitsgedanken für die perfekte Welle: den Moment auf der Bühne. Da bleibt keine Zeit für ein zweites Standbein. Immerhin sind in den allermeisten Fällen unsere Arbeitszeiten auch nicht danach ausgereichtet.

Zumindest in dem Punkt halte ich mich für ganz gut aufgestellt. Ich war noch nie der Typ, der die ganz große Welle im ersten Anlauf genommen hat. Darum habe ich verschiedene Standbeine. Mein Podcast – der war eine Sache, die mich ab März auf einer zumindest kleinen Bühne gehalten hat. Oder meine Arbeit als Autor. Aber ganz ehrlich: reich wird man davon nicht…

Ruhige Gewässer

Darum habe ich das seichte Gewässer, das uns seit Juni begleitet hat, als Moment des Luftholens empfunden. Keine großen Wellen und Bühnen, aber kleine Moderationen, Hochzeitsreden, Studioaufnahmen. Ein Binnensee des Neuanfangs vielleicht ohne das laute Rauschen der Fluten, aber eben auch ohne unvorhersehbare Wellen.

Monsterwelle

Die ist jetzt da: die zweite Monsterwelle. Sie trifft uns härter denn je. Im Gegensatz zu März haben wir sie heranrollen gesehen. Sie ist mehr wie ein Tsunami. Seit Tagen schon zieht sich das Meer zurück, um jetzt mit voller Macht über uns zu rollen. Gefährlicher denn je – wie ich befürchte auch tödlicher denn je. Jetzt sind vielerorts auch die letzten Reserven aufgebraucht und was viel schlimmer ist: die meisten von uns sind Bauchmenschen. Der Mut ist aufgebraucht, die Motivation, die Zuversicht und der Glaube daran, dass wir jemals noch einmal ohne nachzudenken getragen werden von einer Welle des Erfolgs.

Gleichzeitig wächst die Wut: Denn wenn Schulen, Kitas und Unternehmen offen gehalten werden um jeden Preis, um negative Folgen für die Wirtschaft zu vermeiden – was sind wir Künstler und all unsere Helfer und Mitstreiter denn dann?

 

Nicht systemrelevant – das haben wir mehr als deutlich verstanden.

Das macht mich wütend. Denn wo immer wir in der Geschichte hinschauen: keine Kultur hat sich entwickelt ohne Kunst. Kein Mensch kann ohne sie leben und lernen.

Aus der zweiten Reihe tanzen – so lautet der Titel eines meiner Bücher. Ich bin noch nie derjenige gewesen, der die perfekte Welle reitet. Ich nehme auch die Bugwelle und mein Surfspot ist eher regional als international. Darum mache ich mich jetzt auf zu neuen Projekten. Die zweite Welle – immerhin das ahnen wir dieses Mal – wird den Winter überdauern. Mehr als Ironie, dass in der kommenden Woche meine Debüt-Single „Der neue Style“ erscheint. Mal sehen, was das für ein Stil wird, den wir Künstler, Sänger, Tänzer jetzt entwickeln.

Mehr als Applaus

Klar ist: ohne Hilfen wird es nicht gehen. Denn auch wenn wir im normalen Leben durchaus vom Klatschen leben – satt macht auch uns das nicht und wir haben weder Tarifverhandlungen noch eine starke Lobby.

Ich hoffe wir haben genug Fans, die uns auf einer ganz kleinen Welle durch diese stürmischen Zeiten tragen. Ich wünsche mir, wir sind stark genug an unsere Talente zu glauben und wir sind genug an der Zahl, um nicht unterzugehen.  

Ora et labora

Das war sie also jetzt vorerst – diese schöne neue Arbeitswelt, in der sich Job und Freizeit selbstverständlich ergänzen, in der man das machen kann, was man wirklich, wirklich will. In der Arbeitszeiten reduziert, flexibilisiert und gleich ganz abgeschafft werden....

Die zweite Welle betritt die Bühne …wenn Kunst nicht systemrelevant ist

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