Julia Collard & Sven Schnitzler
Der Wurm ist drin in Bildungsdeutschland

Der Wurm ist drin in Bildungsdeutschland

Lehrerin, Ärztin, Polizist und Automechaniker – das wollen laut Pisa Studie der OECD unsere Kinder werden. Von Diversität und einer Arbeitswelt im Wandel keine Spur. Die innovative Bubble schreit auf – der Rest der Menschheit wird vermutlich kopfnickend der Meinung sein, dass dies doch durchaus sinnvollere und solidere Berufe sind als die des YouTubers, der Influencerin oder der Wohlfühlmanagerin.

Was also fühlt sich nun nicht richtig an? Das Sicherheitsdenken der nachfolgenden Generation? Das empfundene Traditionsbewusstsein? Der fehlende Mut zu Neuem und zum Blick über den Tellerrand?

Wir haben nach der letzten Arbeitswoche zumindest einen Erklärungsansatz:

 

Die Bildungsschere

Und damit meinen wir nicht die Differenzierung, die wir dank unseres Bildungssystems nach Herkunft, sozialer Schicht und Vorbildung der Eltern inzwischen schon fast akzeptiert zu haben scheinen. Nein, wir meinen eine ganz neue Art von Schere, die sich aktuell manifestiert oder besser noch: die institutionalisiert wird. Über den Zertifikatswahnsinn in Deutschland haben wir uns schon ausgelassen. Aber gerade der nimmt neue Dimensionen an.

Eine sehr bunte Tour durch die Bildungsinstitutionen hat uns in den vergangenen 5 Tagen sehr geballt eine Bandbreite aufgezeigt, die ihresgleichen sucht. Wir nehmen Euch kurz im Zeitraffer mit:

 

Absolventencoaching im Hochschulbereich

Warum machen Menschen nach Jahren erfolgreicher Berufstätigkeit und unterschiedlichster Abschlüsse noch einmal ein berufsbegleitendes Studium? Weil sie weiterlernen wollen – klar. Das wünschen wir uns als erste Aussage. Oft ist es aber doch auch (nur) der akademische Abschluss, der zum Besuch einer Hochschule inklusive festgelegter Semesterstrukturen, Lehrinhalte und Abschlüsse animiert. Wie großartig, dass die Zahl der Hochschulen stetig wächst und damit auch die Zahl potenzieller und vielfältiger Studienangebote. Und gleichzeitig: wie undurchsichtig! Denn die Fast-Absolventen diese Woche hatten ganz schön viele Fragen rund um ihren Titel: was ist der wert, wohin geht der Weg? Bin ich jetzt besser oder qualifizierter oder einfach nur verwirrter? Bin ich gar überqualifiziert, wenn ich jetzt noch ein Master drauf setze? Am (vorläufigen) Ende eines Wegs mit ordentlicher Doppelbelastung stehen oft mehr Fragen als Startschussgedanken.

 

Prüfungsausschuss im öffentlichen Weiterbildungssektor

Szenenwechsel. Eine gediegene, hochpreisige Location, honorable Menschen mit langjähriger Erfahrung und die Prüfungsaufgaben einer bekannten, akzeptieren Weiterbildung. Diese werden kontrolliert, besprochen, diskutiert, bewertet und schließlich – am Ende des ganzen Tages – abgesegnet. Von einem Ausschuss, der nur marginal die Bedarfe der StartUps, Innovatoren, digitalen Transformatoren und Visionäre des eigenen Landes – geschweige denn international – kennt. Aber er kennt Berufsbildungsgesetze, Regularien, Prüfungsminuten und er kennt seinesgleichen. Den Verwaltungsmoloch, der hinter ihm steht. Die Sitzung wird pünktlich nach mehreren Stunden und Kaffeepausen geschlossen. Die Prüfung ist beschlossen.

 

Klausurrückgabe in der Q1 des Gymnasiums

„Bin ich denn eigentlich wirklich dumm?“

Wenn Euer Kind mit der Frage nach Hause kommt, dann schiebt auch Ihr alle Schuld auf den Lehrer, dessen Unterricht im letzten Halbjahr zu mehr als 50% ausgefallen ist, der gerade eine mündliche Mitarbeit mit „ausreichend“ bewertet und als Begründung mitgegeben hat, dass man bei der Menge an Schülern ja nicht mehr jede einzelne Wortmeldung im Kopf haben könne. Feedback par excellence. Und dann fragt auch Ihr Euch, ob unser Schulsystem eines ist, dass zu Innovation, Mut und Querdenken animiert? Ach ja, man denkt dort ja quer – mal in 9, dann in 8 und nun wieder in 9 Jahren zum Abi. Mal Druck-, Schreib-, vereinfachte Ausgangsschrift wahlweise mit Füller, Tintenroller oder Bleistift. Die Lektüre seit 25 Jahren quasi unverändert. Unterricht nach Lehrplan. Gefangen im System – beide Seiten.

 

Initiierung eines Kompetenzteams im privaten Weiterbildungsbereich

Influencer, YouTuber, SocialMedia Experten & Kommunikatoren werden händeringend gesucht. Zertifikat? Egal – Können zählt, einfach machen. So haben die Stars von heute schließlich auch angefangen. Die Idee: Lasst uns zusammen Weiterbildungen einer ganz neuen Art entwickeln. In Jogginghose und mit jeder Menge Buzzwords. Mit Stories, Likes und Algorithmen, die sich täglich ändern. Mit Leuten, die Bock auf Neues haben. Nicht gegen Zertifikate und Qualität. Aber gegen Verfahren und Prozesse, die Innovation und Spontanität im Keim ersticken. Ein Curriculum? WTF? Stichworte müssen reichen. Jeden Tag neu, provokant, gegen die Masse. Zielgruppe? Eine hippe Medienbubble. Vielleicht auch der Konzern mit Mut. Alles offen. Alles möglich. Oder Chaos. Just give it a try.

 

Unsere Bildungswoche

Das war sie – verkürzt und bestimmt auch thematisch tendenziös. Und jetzt mal ehrlich: wir (er)leben Globalisierung, digitale Transformation und Vernetzung. Raum und Zeit haben wir scheinbar überwunden. Wir stemmen internationale Projekte, leiten verteilte Teams, wechseln selbstverständlich zwischen Sprachen, Job und Familie, analog und digital.

Aber da gibt es Deutschland. 16 Bundesländer. Und jedes macht Bildung. Für sich. Egal ob Schule oder Studium. Jeder darf sein so ziemlich eigenes Süppchen kochen. Die Kultusministerkonferenz koordiniert – oder versucht den Schaden zu begrenzen. Mit digitalen Strategien – aber ohne Social Media Präsenz. Ach ja: zwischen vorschulischer und schulischer Bildung wechselt auch noch einmal die Zuständigkeit der Ministerien vom Sozial- zum Bildungsministerium.

Wenn ein Schüler von Bayern nach Hamburg zieht hat er (laut Pisa Studie) gewonnen – umgekehrt könnte es schwierig werden. (Private) Hochschulen wechseln gar die Bundesländer ihres Hauptstandortes, um unbequeme Akkreditierungsverfahren und Rahmenbedingungen zu umgehen. Lehrer dürfen in dem einen Bundesland unterrichten und entscheiden, was in einem anderen wiederum tabu ist. Und das jahrelang mit wenig Evaluation und Innovation. Überall Regeln, Vorlagen, Planungen. Und überall unterschiedliche.

Und da wundern wir uns also, dass Tradition, Rückbesinnung und Beständigkeit Ergebnis dessen sind. Nach 3 bis 6 Jahren Kita, 10 bis 13 Schuljahren und dem, was da noch kommt.

 

Unsere Bildungslandschaft duldet keine Einwanderung

Nicht nur die Bundesländer kochen alle eigene Süppchen. Auch die Bildungsanbieter selbst – sofern es in ihrer Macht steht. Made in Germany = duale Berufsausbildung. Das zählt(e) was in der Welt. Aber dann kamen die Globalisierung, der Wunsch nach Verkürzung und Effizienz, der Bachelor und der Master. Ausbildung und Studium rücken zusammen. Ergänzungsschulen, Akademien, private Hochschulen. Alles wird durchlässig – oder eben nicht. Denn was aktuell passiert ist das Gegenteil von Bildungsdurchlässigkeit.

„Anerkannte“ Institutionen (im Sinne einer staatlichen – nicht einer durch Unternehmen, Branchen oder Trends und – Achtung! – Kunden legitimierten Anerkennung) claimen Abschlüsse für sich. Der neue „Bachelor Professional“ ist nur ein Beispiel dafür, welche Blüten eine Abschottungs- und Machterhaltungspolitik treiben kann. „Das was die können, können wir auch.“ Es geht längst um viel mehr als Qualität und Gleichwertigkeit. Wollen wir tatsächlich den Lernenden etwas Gutes tun oder unsere Besitzstände schützen?

Es gibt ausbildungsintegrierte Studiengänge. Die werden demnächst durch eine studienintegrierte Ausbildung mit eigener Hochschule ergänzt. Wirklich ergänzt? Oder bekommen sie Konkurrenz? Wer weiß das schon noch…

Im Bereich Bildung buhlen so viele Anbieter um den Markt des lebenslangen Lernens, um Marktanteile auf dem Weg der Veränderung, der Menschen in ständige Zertifizierungen und Selbstoptimierung zwingt, dass eines aus dem Fokus geraten ist: die Zielgruppe. Der Mensch.

 

Bildungsziel Mensch?

Vergleichbarkeit, Titelkampf und der Machterhalt der eigenen Institution sind dem Gedanken aktuelles Wissen zu vermitteln oft gewichen. Es gibt kaum einen Arbeitsbereich, in dem wir so starkes Silodenken erleben und in dem neue Ideen im Sinne innovativer Anbieter so klein gemacht werden.

  • Wer soll bei Euch Ideen vorantreiben? Der Mensch oder die (Zertifikats)Maschine?
  • Wie wollen wir eigentlich noch wissen, welcher Titel welchem Qualifikationsniveau entspricht?
  • Wie lange währt eigentlich heutzutage die Halbwertzeit eines solchen Zertifikats?

Wir müssen uns entscheiden. Eine Vernetzung unseres Bildungssystems ist dringend überfällig. Und das ist ein Akt, der dem der digitalen Transformation kaum nachsteht. Denn es geht um Bestandsschutz, um ein enormes Konstrukt – viel unbeweglicher, mächtiger, festgefahrener als jeder Konzern.

Wir müssen einen Umbruch auch „von oben“ anstoßen – indem wir mit Menschen arbeiten wollen und nicht mit Titelträgern. Indem wir Qualität der Lernergebnisse als Handlungsfähigkeit unseres Teams beurteilen – nicht ein Blatt Papier. Wenn sich das nach unten durchsetzt – dann haben unsere Kinder auch wieder Berufswünsche. Fussballerin, Prinz und Lokführer. Superstar, Weltretterin und Mensch.

Gerne auch Lehrer oder Influencerin (denn ist ein Lehrer nicht unbedingt auch letzteres in sehr hohem Maße???).

Mit Menschen zu lernen, voneinander zu lernen – das muss doch unser Ziel sein.

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