Julia Collard & Sven Schnitzler
Warum „Aus“bildung keine Zukunft hat

Warum „Aus“bildung keine Zukunft hat

#71 Gastbeitrag von Nicolas Korte, Geschäftsführer der ETABO GmbH

Ich brenne für Ausbildung. Als Unternehmer glaube ich fest daran, dass die Ausbildung junger Menschen eine Verpflichtung ist. Eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, eine Verpflichtung gegenüber der Jugend, eine Verpflichtung gegenüber diesem großartigen dualen Bildungsgedanken, von dem wir profitieren dürfen. Oder um es direkter zu sagen : Unternehmen verbrauchen Lebensleistung und wer verbraucht ohne den Raum für das Wachstum neuer Lebensleistung zu schaffen und sich bei denen bedient, die das tun, verhält sich im biologischen Sinne parasitär.

Der Anfang

Als ich 2011 in das Unternehmen kam, dessen Teil ich heute sein darf, gab es bereits eine Ausbildung zum „technischen Zeichner“. Diese war effizient und gut, aber ausgerichtet an einem „mechanischen“ Unternehmensbild, in dem Zahnräder ausgebildet werden, um ausscheidende Zahnräder zu ersetzen. Ich hatte von Anfang an den Wunsch, dies zu ändern, alleine die passende Idee dafür hatte ich nicht.

Aha-Ausbildung

Mein ganz persönliches „Aha-Erlebnis“ hatte ich dann 2015, 2 1/2 Jahre bevor ich das erste Mal überhaupt mit „agil“, „Transformation“ oder „newwork“ in Berührung gekommen bin. Ein ehemaliger Auszubildender, der sich zum Techniker weiterbildete, lud mich zur Projektwoche an der Technikerschule ein. Während er in meiner Wahrnehmung im Betrieb eher ruhig und unauffällig seine Arbeit erledigte, stand er dort auf einmal auf der Bühne und erzählte mit ansteckender Begeisterung von seinem Projekt. WTF … was ist denn hier los? Als ich mich im Anschluss mit ihm unterhielt, war die Lösung schnell gefunden:“ Im Büro mache ich das, was mein Chef mir sagt, hier geht es um MEIN Projekt“. Worte, so laut, dass ich sie nicht überhören konnte.

ETABO 4.0

Wenige Wochen später riefen wir das Projekt ETABO 4.0 aus der Taufe. Wir gaben unseren Azubis 3.000 Euro, um einen 3D Drucker zu kaufen und damit zu machen, was SIE wollten. Keine Budgets, keine vorgegebene Zeiteinteilung und die Rahmenbedingung, dass Vorgesetzte gefragt werden können, aber grundsätzlich nichts zu bestimmen haben. Keine Berichts- und Dokumentationspflicht, sondern der Freiraum, sich damit zu beschäftigen, wozu sie Lust haben.

To make a long story short – nach wenigen Monaten haben sie den Drucker (handelsübliches Modell) konstruktiv verbessert, kurze Zeit später haben sie vollkommen alleine gedruckte Teile am Markt verkauft, heute beschäftigen sie sich neben dem 3D Druck mit VR, AR, Hololense, Drohnen usw. usw. und treiben mit einem Innovationscoach, denen wir einen Tag pro Woche an die Seite stellen, den technologischen Fortschritt im Unternehmen voran.

Wie lernen funktioniert

„Aber die Noten, hatten die überhaupt noch Zeit zu lernen?“ höre ich die Zweifler rufen. Für den theoretischen Teil verweise ich gerne und mit großer Freude auf den Neurologen Gerald Hüther und seine Erklärungen, wie lernen funktioniert. Er hat mir nicht nur vollkommen neue Sichtweisen darauf eröffnet, sondern liefert auch gleich noch die Einsicht in die Welt unseres Gehirns. Die Praxis dazu können wir dann gerne bei uns zeigen. Gibt man (jungen) Menschen den Freiraum, sich mit dem zu beschäftigen und das zu lernen, worauf sie neugierig sind und Lust haben, entstehen im Gehirn Verknüpfungen, die alles andere lernen, also auch das für die Ausbildung notwendige Schulwissen, wesentlich einfacher machen. Unsere Auszubildenden schließen bei verkürzter Ausbildungszeit nicht nur regelmäßig mit Bestnoten ab, sondern ALLE haben auch im Anschluss die notwendige intrinsische Motivation, weiter zu lernen. Drei der mit ETABO 4.0 „aufgewachsenen“ Kollegen studieren gerade an der Hochschule Georg Agricola berufsbegleitend Maschinenbau und sind alle weiter Teil des Unternehmens.

Die Folge

Wir bekommen heute auch nicht nur genug Bewerbungen, sondern vor allem coole neue Auszubildende ins Unternehmen. Wir suchen anders, von „Systemkonformität“ haben wir auf „Wirksamkeit im Organismus“ umgestellt. Statt Zeugnisnoten ist die intrinsische Motivation, das eigene Leben aktiv zu gestalten, ausschlaggebendes Kriterium.

Nicht vergessen möchte ich aber auch, dass zwar das System als framework eine entscheidende Rolle für den Erfolg hat, aber dass engagierte Ausbilder notwendig sind, um diesen Rahmen auszufüllen. Ausbilder zu sein ist mehr Berufung als Beruf und auch an dieser Stelle ist es Aufgabe des Unternehmers, die entsprechenden Freiräume zuzulassen. Oder anders gesagt – ohne unsere engagierten Ausbilder hätte ich jetzt hier rein gar nichts zu schreiben.

Nachdem wir seit 2018 mit dem ganzen Unternehmen in der Transformation sind, habe ich erkannt, WARUM ETABO 4.0 funktioniert. Und ehrlich gesagt habe ich schon 100 mal hinterfragt, warum ich fast 3 Jahre gebraucht habe, um zu verstehen, dass das, was bei Azubis funktioniert, auch auf die gesamte Organisation angewendet werden kann.

Wieso, Weshalb Warum…

Da die Schulbildung in Deutschland mit wenigen Ausnahmen (Walldorf, Montessori, freie Schulen) nach wie vor stark an der reinen Wissensvermittlung, also dem „Was“ orientiert ist, kommt uns in den Unternehmen die Aufgabe zu, die betriebliche Ausbildung mehr an dem „Wie“ zu orientieren und das kritische Hinterfragen, das „Warum“ zu einem Teil der Ausbildung zu machen. Und wir können und dürfen das frei von kultusministeriellen Zwängen tun. Dies ist Recht und Pflicht zugleich.

In einer sich immer schneller ändernden Welt müssen wir in Zukunft von der Ausbildung von „Zahnrädern“ ablassen, denn die Stellen, die wir zukünftig zu besetzen haben, die Aufgaben, die zukünftig zur Erledigung anstehen, sind uns heute zum Teil noch vollkommen unbekannt. Deshalb ist Ziel unserer Ausbildung heute, dass jeder nach Abschluss Lust auf „mehr“ und „weiter“ Bildung hat.

Aus…bildung

Und damit komme ich zum Titel zurück. Ich bin der festen Überzeugung, dass „Ausbildung“ das vollkommen falsche Wort und damit nicht zukunftsfähig ist. „Aus“ als Vorsilbe suggeriert, dass wir irgendwann damit fertig sind. Austrinken, Ausschlafen, Ausziehen, …. . Das, was wir während der Ausbildung machen, darf aber niemals in diesem Sinne „fertig“ sein, sondern kann nur der Auftakt zum nächsten Abschnitt persönlichen Wachstums sein.

Ich kann mir viele sinnvolle Silben vor „Bildung“ vorstellen – „Mehr“, „Weiter“, „Lust“, „Spaß“, „Endlos“ …. was auch immer, aber „Aus“(Bildung) ist für mich kein Zukunftsmodell.

Nachsatz

Während ich diesen Artikel geschrieben habe, hat mir ein Kollege, der die …bildung bei uns gemacht hat, erzählt, dass er die Technikerschule mit 11 Einsen und 1 Zwei abgeschlossen hat. Aber viel wichtiger – seit 2 Jahren hat er selber einen Teil der …bildung übernommen und seit Anfang dieses Jahres integriert er ein von uns gekauftes Ingenieurbüro technisch ins Unternehmen, um zukünftig die Verantwortung hierfür zu übernehmen. Grenzen kennen unsere jungen Kolleg*innen anscheinend nur dann, wenn wir sie ihnen setzen ….

Nicolas Korte ist Geschäftsführer der ETABO GmbH. Die Energietechnik und Anlagenservice GmbH ist Life Cycle Partner für die Errichtung, den Umbau und den Service von Anlagen, Systemen und Komponenten.

Und er ist Musterbrecher, Neugieriger, Mensch.

Nico hat den Mut, sein Leben auf den Kopf zu stellen.

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