Julia Collard & Sven Schnitzler
Wieder was gelernt

Wieder was gelernt

Das sagt sich so schnell – und genauso schnell geht es auch. Lebenslanges Lernen ist  auch schon so ein Mantra, von dem wir wissen, dass es stimmt, dass wir aber nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen wollen. Warum eigentlich?

Vielleicht weil „lernen“ für die meisten von uns sehr zwiespältig belegt ist.

Wir nehmen Euch mal mit im Zeitraffer auf eine Reise durch das „LEBENslange Lernen“

 

Wir kommen zur Welt und können erstmal ziemlich wenig. Das größte Glück: es interessiert keinen. Wir sind perfekt so wie wir sind. Sogar für uns selbst.

Aber wir lernen mit einer Geschwindigkeit, die wir nie wieder erreichen werden. Und das Wunderbare: wir werden jeden Tag, jede Stunde, jede Minute für das gelobt, was wir Neues können. Der erste Schritt, das erste Wort, der erste Sprung vom Beckenrand und die schief  aufeinandergestapelten Bauklötze – alles wird gefeiert. Wir werden sogar für Dinge gefeiert, die wir gar nicht lernen, sondern die einfach passieren: das erste Lächeln, der erste Zahn (der später mit noch mehr Jubel verabschiedet wird) und sogar der Windelinhalt.

Fehlerkultur? Idealzustand in der Phase: wir stolpern, wir quatschen Blödsinn, wir veranstalten ein Essensrestefest unterm Tisch: alles darf, nichts muss.

Ist es also genau richtig, bereits in der Zeit neben dem informellen das formelle Lernen durch Frühförderung, Kita, musikalische und sportliche Angebote anzusetzen? Mit Sicherheit kann dies Impulse geben, wenn es eins nicht tut: diese unbeschwerte Zeit bereits durch Struktur und Regeln zu belasten. Kinder Kind sein lassen.

Einschulung – ein großes Fest für alle. Und gleichzeitig der Start in die Zeit, in der wir anfangen müssen zu lernen, was andere uns vorgeben. Das passiert in der Grundschule noch sehr spielerisch – so zumindest die Idee. Aber spätestens, wenn es  die ersten Noten gibt und erst recht, wenn es um die Empfehlung für die weiterführende Schule geht, wird es ernst. Und das nicht allein, weil die Kinder anfangen zu begreifen, dass der eine besser als der andere ist und man gemessen wird an Dingen, die vielleicht nicht die Lieblingsbeschäftigung sind, sondern weil auch noch Dritte über diese Leistung mitentscheiden. Lehrer, die man für nicht gerecht hält, Eltern, die sich gegenseitig die Vorzüge, Höchstleistungen und Noten ihrer Kinder vor die Nase halten und die Nachhilfeinstitute, deren Erfolg steigt mit der Angst der Eltern um die späteren Karrieren des Nachwuchses.

Zeit zum Lernen? Obwohl Kinder zunehmend mehr Zeit am Ort Schule verbringen, wird die Lernzeit nicht mehr. Ein Tag hat 24 Stunden, davon kann ein Kind gerade mal einen Bruchteil der Zeit stillsitzen und sich konzentrieren auf neue, unbekannte Zusammenhänge. Lernen kann es weit mehr und länger: beim Spielen, Klettern, Lesen, Vorlesen – informelles Lernen braucht Zeit außerhalb von klassischen Bildungsstrukturen und braucht vor allem auch eins: Auszeiten. Schlaf ohne äußere Einflüsse.

                

Weiterführende Schule – der Tiefpunkt der Lernmotivation- so zumindest ganz häufig der Eindruck. Bei dem ein oder anderen gibt es das Lieblingsfach und die Lieblingslehrerin, viel öfter gibt es aber Null Bock, Notendruck, Frust und Zoff. Zu den ganzen ungeliebten Schulfächern kommt das Chaos der Synapsen im Kopf. Wenn im Gehirn nicht ein Teil zum anderen passt – wie bitte soll da noch Lernstoff rein, von dem in den seltensten Fällen greifbar ist, wofür er einmal nützlich sein wird.

Auch wenn rückwirkend betrachtet die Schulzeit so oft die „schönste Zeit“ ist – das machen wir doch eher an Freunden, Events, Klassenfahrten und Beziehungen fest als an der geilsten Physikstunde und dem spannendsten Gedicht.

Wir haben leider in der Regel weder Lerntechniken noch Zusammenhänge erfahren. Fehlerkultur? Fehlanzeige. Nicht wissen wird durch schlechte Noten bestraft; im schlimmsten Fall durch Sitzenbleiben und damit auch noch durch Verlust der sozialen Kontakte. Ja, das ist überspitzt formuliert – aber nüchtern betrachtet leider auch Fakt.

Was willst Du eigentlich nach der Schule machen?

Moment Mal – jetzt haben wir gerade 10 Jahre damit verbracht uns daran zu gewöhnen, dass wir vorgeschrieben bekommen, was zu lernen ist. Haben Fremdsprachen gepaukt, die wir leider vermutlich selten einsetzen werden, Kurvendiskussionen gerechnet, weil es eben der Stoff des Mathematikunterrichts ist, eine Leber seziert, Goethes Faust analysiert und das Periodensystem runtergeleiert.

Also sollen wir jetzt bereit dafür sein zu entscheiden, was wir den Rest unseres Lebens machen…??? Verständlich, dass der ein oder andere Jugendliche da erst einmal in vermeintliche Lethargie verfällt und einfach mal nichts macht. Während Eltern dann noch den Zeigefinger heben und meinen, wir versauen unser Leben, schallt es uns doch aus der Wirtschaft eh entgegen, dass Fachkräftemangel herrscht und uns alle Türen offen stehen. Da kann man doch auch mal gepflegt eine Pause einlegen.

Richtig so – denn Neues entsteht eben auch aus Nichtstun und aus Langeweile.

Von der Schulbank in den Dschungel aus Ausbildungs-Bachelor-Master-System und unzähligen entsprechenden Infoveranstaltungen oder lieber ein Jahr in den richtigen Dschungel – raus in die Welt?

Haben wir uns dann für eine Ausbildung oder ein Studium oder was auch immer an mehr oder weniger regelmäßiger Tätigkeit entschieden, geht das Spiel von Neuem los: wir lernen für die nächste Prüfung, das Zwischenexamen, den Bachelor und wo wir gerade mal dran sind auch noch für den Master. Wieder relativ fremdbestimmt, oft unmotiviert oder aus einem äußeren Antrieb heraus. Wir bekommen vorgeschrieben, was zu lernen ist und leider ist in vielen Fällen immer noch nicht gefragt, was wir dazu beitragen können.

Je später im Leben man „offizielle“ Lernphasen antritt (wir können das aus der Sicht des berufsbegleitenden Studiums neben Vollzeitjob und Familie vermutlich ganz gut beurteilen) umso kritischer werden wir dem gegenüber, was Lehrende (frontal) vermitteln (wollen).

Mündige, selbstbewusste Menschen, die werden in quasi jeder Stellenanzeige  verlangt. Aber wo sollen die bitte herkommen, wenn eine kleine Interpretation rechts und links der Musterlösung immer noch zu Punktabzug in der Klausurbewertung führt? Und wenn wir besser die Meinung des Prüfenden als die eigene in die Präsentation einbauen sollten?

Lehren und lernen sollen sich im Job abwechseln, zwischen Aufgaben, ganz flexibel und auch unabhängig von Hierarchien und Positionen. Das also ist nun die schöne neue Arbeitswelt. Keine Frage – das ist absolut richtig und wichtig. Aber wie soll das jetzt plötzlich funktionieren.

Ziemlich genau die Phase, in der wir uns aktuell befinden.

Altersmäßig „über uns“ diejenigen, die oft noch glauben, dass Alter = Wissen = Macht bedeutet.

Altermäßig „unter uns“ diejenigen, die bisher erfahren haben, dass Lernen bewertet wird und man am besten das lernt, wofür man die beste Note bekommt. Spätestens an der Stelle wird klar, dass wir die Arbeitsorganisation nicht mal so eben revolutioniert bekommen. Und dabei lassen wir mal ganz außer Acht, dass dies auch längst nicht in jeder Branche möglich ist. Und trotzdem ist genau das unser Ziel. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen, wir wollen lernen für uns und darüber austauschen, ob das Gelernte praktisch anwendbar ist. Ob es Sinn macht, was wir wissen und wie lange es Sinn macht, bevor wir es wieder anpassen, verwerfen, neu lernen müssen. Lernen können und dürfen!

Ab jetzt Zukunftsmusik für uns. Also können wir uns nur wünschen, wie unser weiterer Lernweg aussehen wird und weiterhin versuchen, ihn aktiv mitzugestalten.

Es gibt Unternehmen, die an ihren Strukturen aktiv arbeiten und die Grenzen zwischen den verschiedenen Lernzyklen im Leben durchbrechen wollen. Unternehmen, die mit Angeboten in die Schulen gehen, um dort bereits praktisch zu veranschaulichen, warum eine mathematische Formel vielleicht doch ihre Daseinsberechtigung für den einen oder anderen Job hat. Die Akzeptanz von Auszeiten in Lebensläufen steigt, was gleichzeitig dazu führt, dass Menschen durch die Welt reisen, Sprachen lernen und auch wieder lernen nichts zu tun – zumindest nichts von außen Vorgeschriebenes. Organisationen schwenken ab von Weiterbildungen im Gießkannenprinzip hin zu Lernzirkeln, selbstorganisiertem Lernen und flexiblen Modellen.

Es gibt aber auch Unternehmen, die noch ihren Stil beibehalten – da brauchen wir uns in unserer New Work Blase – oder wie auch immer wir innovative Organisationsansätze nennen möchten –  nichts vorzumachen. Wir haben daher beschlossen, dass wir unseren eigenen Lernweg noch stärker selbst in die Hand nehmen. Über unser eigenes Unternehmen, über neue Projekte außerhalb der Komfortzone, über – im Rahmen des Möglichen – selbstbestimmte Zeitorganisation.

Menschen haben mit zunehmendem Alter nicht weniger Lust zu lernen – wir haben nur weniger Lust es nicht selbst bestimmen zu dürfen. Und das müssen wir uns (wieder) ermöglichen. Mit Zeit, Ideen und gegenseitiger Unterstützung.

Nicht zuletzt um Strukturen insgesamt zu ändern – denn auch die flexible GenY, die angeblich so viel mehr den Sinn im Arbeiten sucht, lernt auf dem klassischen Bildungsweg in „40 Stunden“, Arbeitszeitenlisten und festen Urlaubstagen zu denken. Bildung und Lernen neu zu denken ist ein Mammutaufgabe. Und auch wenn es wichtig ist, im Unternehmen anzufangen – wir sind dann alle schon eine geraume Zeit durch „alte“ Strukturen gelaufen, die in ihrer Flexibilität der des Konzern-Dinos in wenig nachstehen…

Das alles ist unser Plan.

Ach ja: erst muss aber noch der Masterabschluss fertig sein. Noch ein paar Lerneinheiten für den Professor sind also Pflicht. Die Kür ist aber zum Greifen nah!

Versucht mal unseren Ansatz: wir lernen voneinander, sind tatsächlich Lehrer & Lernender zugleich und immer im Austausch – nie so viel gelernt!

Und den hier hätten wir noch: Ihr lernt nicht für die Schule sondern für´s Leben…

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