Julia Collard & Sven Schnitzler
Vorsätze und Ziele von Menschen und Organisationen

Vorsätze und Ziele von Menschen und Organisationen

#29 Gastbeitrag von Michael Schenkel

„Was hast Du Dir für das neue Jahr vorgenommen?“ war vermutlich die am häufigsten gestellte Frage kurz vor dem Jahreswechsel. Freunde haben die Frage gestellt, Eltern auch. Selbst Kollegen wollten es wissen, wenn auch erst in der ersten Januarwoche. Nein – Sie haben sich nicht im Datum geirrt, aber was ist nun, nach gut einem Monat, eigentlich daraus geworden?

Was haben Sie sich vorgenommen?

Wollten auch Sie im neuen Jahr weniger Alkohol trinken, weniger Süßigkeiten essen, mehr Sport machen oder mehr Lesen?

Vielleicht gehören Sie auch zu den Standhaften, den Glücklichen und Klaren unter uns, die auf die Frage einfach antworten: „Nichts. Ich bin 45 Jahre, stehe mitten im Leben, bin zufrieden so wie ich bin, und möchte weitermachen wie bisher.“

Wenn Sie zur zweiten Kategorie gehören, sind Sie a) mit dieser Einstellung vermutlich in der deutlichen Minderheit, und haben b) eventuell aus Ihrer eigenen Vergangenheit und gegangenen Vorsätzen und Zielen gelernt.

Gehören Sie zur ersten Kategorie, die mit den Vorsätzen und Zielen im neuen Jahr, dann bleiben Ihnen jetzt einige Frage nicht erspart:

Wie kommen Sie mit Ihren Vorsätzen voran?

Existieren sie noch?

Oder haben Sie diese bereits abgehakt, denn so wichtig waren sie in Wirklichkeit gar nicht?“

Die Motivation für Vorsätze

Finden Sie es auch interessant, dass immer zum Jahreswechsel die Frage nach Vorsätzen auftaucht? Pünktlich wie ein Uhrwerk wird die Frage immer und immer wieder gestellt. Fast scheint es so, als gäbe es keine anderen Themen. Vermutlich fragt niemand zum 01. Februar nach Vorsätzen, zum 21. Februar ist die Frage nach Vorsätzen praktisch ausgeschlossen. Offensichtlich ist es sehr vielen Menschen ein Bedürfnis zum Jahreswechsel mental aufzuräumen, Unliebsames auszumisten, und Klarheit über Verhaltensweisen zu erlangen. Woran liegt das?

Möglicherweise liegt es an Weihnachten und Silvester und der riesigen Aufmerksamkeit weltweit. Wir beschäftigen uns – natürlich nach einer geschäftlichen Jahresendrallye – mit tausend Dingen. Wir kaufen Weihnachtsbäume und besorgen auf den letzten Drücker Geschenke für alle Anwesenden. Wir essen morgens, mittags, abends und dazwischen gibt es noch Plätzchen sowie Kaffee und Kuchen. Kaum liegt Weihnachten hinter uns, steht schon Silvester vor der Tür. Und wir fragen uns, wo wir den Jahreswechsel begehen. Wir entscheiden uns für oder gegen Feuerwerk oder wir kaufen für die Kinder wenigstens einige Wunderkerzen. Allein beim Schreiben dieser Zeilen schüttelt es mich: es ist schlicht zu viel! Zu viel Aufwand, zu viel Erwartung, zu viel Sorge, zu viel, zu viel, zu viel. Das schafft leicht ein Klima, es im nächsten Jahr anders machen zu wollen. Weniger von allem, bewusster Leben und Sein, mehr Wahrnehmen und weniger Hetzen. Vorsätze könnten also ein Weg sein, um uns selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Menschliche Konditionierung

Ein weiterer Grund liegt vermutlich in unserer menschlichen Konditionierung. Von klein auf lernen wir, Dinge zu beenden, dafür eine Rückmeldung zu erhalten und die Erfahrung für künftige Tätigkeiten zu nutzen. In der Schule erhalten wir Noten und Zeugnisse, und im nächsten Jahr geht es wieder von vorne los. Im Sport spielen wir eine Saison lang, die Tabelle liefert uns den Vergleich mit anderen Mannschaften oder Gegnern und die neue Saison beginnt von vorne. In der Kunst kreieren wir Programme, Bühnenstücke, Bilderserien, präsentieren diese (hoffentlich), um uns neue Programme, Bühnenstücke oder Bilderserien zu überlegen.

Und in der Geschäftswelt kennen wir das Geschäftsjahr – oftmals identisch mit dem Kalenderjahr – in dem wir versuchen, Ziele zu erreichen, Kunden zu gewinnen, Umsätze zu steigern etc. bevor wir im neuen Jahr genau dies wieder tun: Ziele erreichen, Kunden gewinnen, Umsätze steigern. Das Leben ist ein Kreislauf und somit bieten Vorsätze die Möglichkeit für einen Neustart.

Der Unterschied zwischen Vorsätzen und Zielen

Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: ich habe Vorsätze und Ziele miteinander vermengt. Ein Vorsatz – nicht im strafrechtlichen Sinne – ist eine feste Absicht bzw. ein Entschluss etwas zu tun. Die Absicht selbst ist der zielgerichtete Wille, einen definierten Erfolg herbeizuführen, gepaart mit dem Wissen, dass das eigene Handeln zur Erreichung des Ziels führt. Ein Ziel beschreibt einen in der Zukunft liegenden Zustand, der sich vom gegenwärtigen Zustand unterscheidet und erstrebenswert ist.

An sich ist eine trennscharfe Unterscheidung nicht wesentlich. In meiner Wahrnehmung findet die Unterscheidung auf einer anderen Ebene statt: Ein Vorsatz bezieht sich eher auf Werte und Handlungsweisen, ein Ziel ist die Orientierung an Messgrößen. Beispiel: „Ich möchte im neuen Jahr ruhiger und ausgeglichener sein“ ist ein Vorsatz. Dieser Vorsatz lässt sich vermutlich nur schwierig mit Kennzahlen und damit als Ziel formulieren. Bei der Umsetzung von Vorsätzen hilft die Visualisierung von konkreten Situationen.

Beispielsweise möchte ich im Straßenverkehr ruhiger und ausgeglichener sein, denn es macht keinen Unterschied, ob ich mich aufrege, wenn mir jemand die Vorfahrt nimmt oder abbiegt, ohne zu blinken. Mit meinem Verhalten kann ich das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer nicht verändern. Mit meinem Verhalten kann ich das Verhalten anderer Autofahrer aber ausgleichen. Ich verzichte auf das Hupen, ich gestikuliere nicht, ich bleibe ruhig. Je mehr solche Situationen Sie für Ihre Vorsätze visualisieren, desto besser lassen sich Ihre Vorsätze umsetzen. Der Chef ist aufbrausend, Sie bleiben ruhig. Der Kunde ruft 30 Minuten vor Feierabend an und möchte eine dringende Änderung, Sie bleiben ruhig. Was auch immer Sie sich vornehmen, durch das Vergegenwärtigen von Situationen, wird es leichter, Vorsätze umzusetzen.

Die typischen Probleme bei Vorsätzen und Zielen

Die fehlende Visualisierung von Vorsätzen ist also ein Problem bei der Umsetzung. Auch bei der der Arbeit mit Zielen gibt es einige Probleme:

  • Ziele sind nicht eindeutig formuliert. Was heißt Sie wollen „häufiger“ Laufen gehen? Und was meinen Sie mit Laufen: Joggen, Sprinten, Spazieren?
  • Ziele sind nicht quantifiziert. Welche Distanz wollen Sie in welcher Zeit laufen?
  • Ziele sind nicht terminiert. An welchen Tagen wollen Sie Laufen gehen? Die konkrete Terminierung auf bspw. Mittwoch und Samstag ist deutlich erfolgsversprechender als die Terminierung „zweimal pro Woche“, denn schnell steht das Wochenende vor der Tür und das Ziel wird leicht verpasst.
  • Ziele sind nicht realistisch. Wollen Sie als Beginner gleich 10 km an jedem zweiten Tag laufen?

Viele der hier beschriebenen handwerklichen Fehler sind in vielen Organisationen üblich. Ziele werden ungenau formuliert, sie werden weder quantifiziert noch terminiert. Und gleich nach der unternehmerischen Weltherrschaft zu streben, klappt auch nur selten. Und was die Konsequenz für Organisationen?

Die Erkenntnisse für eine Organisation

Manchmal verblüfft es mich, dass Organisationen als abstrakte Gebilde wahrgenommen werden. Die Organisation muss X, die Organisation tut Y, Z geht in unserer Organisation nicht. Organisationen bestehen aus Menschen, aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Für sie gilt in Bezug auf Vorsätze und Ziele dasselbe wie für jeden einzelnen Menschen: Es muss Klarheit und Eindeutigkeit herrschen. Die tatsächliche Herausforderung ist der Weg dorthin.

Wollen Sie sich dieses Jahr früher um die Weihnachtspost kümmern?

Wollen Sie Mitarbeiter*innen auf Augenhöhe begegnen und ihnen mehr Möglichkeiten zur Selbstorganisation und -entfaltung bieten?

Die Herausforderung heißt Individualität

Wer sich in einer Organisation Dinge vornimmt, sollte sich neben der sinnvollen Visualisierung und der quantifizierten und terminierten Formulierung von Zielen auf folgende Herausforderung einstellen: Menschen sind individuell. Wenn Menschen als Individuen Probleme bei der Formulierung und Umsetzung von Vorsätzen und Zielen haben, wie leicht lässt sich dies mit einer Gruppe von Menschen erreichen?

In anderen Worten: Vorsätze und Ziele in Organisationen zu erreichen ist deutlich schwieriger. Wenn ein Manager mit seinem Team auf Augenhöhe agieren und ein anderer Ergebnisse mit seinem Team schneller produzieren möchte, kann das Vorgehen im Anschluss identisch sein; meist wird es aber voneinander abweichen. Ohne gemeinsame Identifikation der Vorsätze und Ziele innerhalb einer Organisation, zwischen den Menschen, zwischen Manager*innen und Mitarbeiter*innen ist die Umsetzung vor allem eins: Glückssache. Damit es das nicht ist, müssen Sie in Ihrer Organisation, in Ihrem Team, mit Ihren Kolleg*innen kommunizieren. Sie müssen sich austauschen. Darüber sprechen, was Sie erreichen wollen, warum Sie das wollen und wie Sie es gemeinsam schaffen. Sie müssen zuhören und erfahren, was Ihre Kolleg*innen, Ihre Mitarbeiter*innen, Ihre Manager*innen wollen.

Und daraus müssen Sie – als Ganzes in Ihrer Organisation – ein gemeinsames Motiv visualisieren: Ihre Vorsätze und Ihre Ziele.

Viel Erfolg dabei!

 

PS: Ich habe für mich beschlossen, dass meine Vorsätze für das neue Jahr erst im Februar beginnen. Der Januar war nur ein kostenloser Probemonat … 😉

Autorenprofil

Michael Schenkel ist bei t2informatik als Leiter Marketing tätig. Er bloggt gerne unter https://t2informatik.de/blog/ über Projektmanagement- und Requirements Engineering Themen und verbringt jeden Tag viele Stunden im Internet.

Am liebsten trifft er sich aber auf einen Kaffee und ein leckeres Stück Kuchen – verabreden Sie sich doch einfach mit ihm unter Michael.Schenkel@t2informatik.de.

[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]
Menü schließen