Julia Collard & Sven Schnitzler
„Sie hören von meiner Anwältin…“ – ein Examensbericht

„Sie hören von meiner Anwältin…“ – ein Examensbericht

„Nur noch 2,5 Stunden und du bist erst mit der Gliederung fertig. Du hast eine halbe Stunde für die Zulässigkeitsprüfung, sonst kommst du nicht hin. Schreib schneller verdammt nochmal!“

Dieser Satz war der letzte, an den ich mich aus meiner letzten Examensklausur erinnern kann.  Seitdem ist eine Woche vergangen. Das erste juristische Staatsexamen, ein Marathon seiner eigenen Art, ein/e Jurist/in würde sagen: ein Lernmarathon sui generis. 12-18 Monate reine Lernzeit, um ca. 11 Leitz-Ordner Fälle, Aufbauschemata, Definitionen und Meinungsstreitigkeiten für 6 Klausuren innerhalb von 8 Tagen auf Abruf parat zu haben.

Alles, was man bis dahin gelernt und im Studium geleistet hatte, zählt plötzlich nicht mehr, die Karten werden neu gemischt. Ein Großteil der Jurastudenten/Innen geben mehr als 1.500 € für sog. Repetitorien aus, in denen in 12 Monaten der gesamten Examensstoff durchgekaut wird und weitere Hunderte von Euros für Lernmaterialien, die Ergänzungslieferungen, Stifte und Papier. Andere wiederum verlassen sich auf ihr bis dahin erworbenes Wissen und vertiefen dieses mit Lehrbücher. Doch am Ende gibt es 6 Tage, an denen man zeigen kann, ob man ein gute/r Jurist/in ist. Kann das gut gehen? Es gehört sehr viel Glück dazu.

Aber wie geht man sowas überhaupt an?

Der Plan

4. September 2017 war der Stichtag, an dem das Rennen gegen die Zeit und der Kampf gegen das Vergessen für mich begann und wie die meisten bin ich auch zu einem der örtlichen Repetitorien gegangen. Ich hatte große Lücken, keine Lust die passenden Lehrbücher auszusuchen und vor allem: ich wollte so schnell wie möglich fertig werden. Ich hatte einen Lernplan: montags wiederholen, dienstags Öffentliches Recht, mittwochs Strafrecht, donnerstags Zivilrecht. freitags wiederholen, samstags die Samstagsklausur von 8-13 Uhr. Ein klassischer Lernplan eines Examenskandidaten 12-18 Monate vor dem Examen. Man verabschiedet sich vom Privatleben, bereitet den/die Partner/in und Familie Wochen davor schon mental darauf vor und hofft, dass die Personen auch nach den 12-18 Monaten für einen da sind…..nur um spätestens 3 Monate später festzustellen, dass das so nicht funktionieren wird.

Zumindest in meinem Fall. Es mag Examenskandidaten geben, die es in dem Rhythmus 18 Monate durchziehen können und von 8-17 Uhr in der Bibliothek konzentriert arbeiten können. Zu diesen Leuten zähle ich nicht. Ich wollte weiterhin meine Konferenzen besuchen, meine Freizeit haben und einen gesunden Umgang mit meiner Examensvorbereitung haben.

Außerdem kann ich ganz sicher nicht 10 Stunden konzentriert und ohne Pause pauken. So hatte ich meinen Plan nach 3 Monaten angepasst. Das passierte dann im Februar, Juni und September 2018 jeweils nochmal. Ich war regelmäßig in der Bibliothek, habe meine Netto-lernzeiten getrackt (dank Forest <3), habe meinen Schwerpunkt auf die Vorbereitung der einzelnen Fälle gelegt und den, im Nachhinein, größten Fehler begangen: keine Wiederholungen eingeplant. Doch dafür waren die letzten 6 Monate da. Schließlich lautete mein Plan ab der ersten Änderung: die Kurse des Repetitors auf Sparflamme überleben und in den letzten 6 Monaten Gas geben und das Beste daraus machen.

Mein Fazit:

ich würde es immer wieder so machen. Man ist wesentlich entspannter, hat nach den 18 Monaten nicht mit einem Burn Out zu kämpfen und man fällt nicht in das tiefe Loch der Antriebslosigkeit, direkt nachdem der letzte Punkt auf dem Prüfungsbogen gesetzt ist. Ich hatte genug Pufferzeit, ausreichend Freizeit mit meinen Freunden und Möglichkeit weiterhin meinen Hobbies nachzugehen, wenn auch nicht in dem Umfang, in dem ich es normalerweise gemacht hätte. Schließlich sollte es von Anfang an jedem klar sein:

Es wird immer Tage geben, an denen man das Gesetzbuch nicht mehr sehen kann.

Es es wird Tage geben, an denen man am liebsten alles hinschmeißen möchte.

Und genau an diesen Tagen wollte ich mir die Möglichkeit geben später oder erst gar nicht in die Bibliothek zu gehen.

Frustrationstoleranz

Man sagt, dass ein erfolgreiches Jurastudium von 3 Faktoren abhängt: Glück, Frustrationstoleranz & Durchhaltevermögen und Wissen. Faktor Nr. 1 kann man leider nicht beeinflussen, Faktor Nr. 3 sollte mit einem konsequenten Plan kein Problem sein. Doch was ist mit Faktor Nr. 2? Spätestens dann, wenn einem nach mehreren Monaten die zwanzigste 5-stündige Samstagsklausur wie Chinesisch vorkommt und das Endergebnis mal wieder nicht gereicht hat, beginnt man an sich selbst zu zweifeln.

„Bin ich gut genug? Kann ich das überhaupt schaffen? Alle anderen sind doch viel besser als ich und es reicht niemals zum Bestehen, geschweige denn für das Prädikat (9 Punkte oder besser).“

Man bekommt langsam Zukunftsängste und die ersten Kriege brechen aus. Plötzlich hat man Neider, wenn man besser war als der Rest oder man fühlt sich einfach als absoluter Versager und fängt an sich selbst abzukapseln. Unter den Kommilitonen gibt es ohnehin schon lange keine anderen Gesprächsthemen mehr als die neueste BGH-Rechtsprechung, den Aufbau der Fortsetzungsfeststellungsklage oder eine weitere Meinungsstreitigkeit von Puppe oder Lorenz.

Doch gerade in solchen Momenten ist es wichtig, dass man sich die oben genannte Rechnung vor Augen führt: Glück, Durchhaltevermögen und Wissen. Am besten versucht man sich auf sein eigenes Ziel zu konzentrieren, zu entspannen und mit dem nötigen Ausgleich dafür zu sorgen, dass man nicht komplett durchdreht. Ich kann nicht oft genug betonen wie wichtig der körperliche Ausgleich ist und auch wenn ich am liebsten nur noch schlafen wollte, wurde ich in den letzten sechs Monaten Dauergast in meinem örtlichen Fitnessstudio und ich wüsste nicht, wie ich die Tage zwischen den einzelnen Klausuren ohne Sport überlebt hätte.

Mein Rat, auch für Nicht-Jurastudierende

Am besten hört ihr damit auf euch mit anderen zu vergleichen, anderen zuzuhören und irgendwelche Horrorgeschichte auszumalen. Man muss nicht seinen eigenen Lernplan, die geleisteten Studenten oder die Anzahl der Karteikarten an denen der anderen messen.

Abgerechnet wird zum Schluss.

Wenn man seinen eigenen Lernplan folgt, sich konsequent durchbeißt und die Basics kann, dann sollte es reichen.

Ob es bei mir reichen wird? Fragt mich einfach am 26.06.2019 nach 15 Uhr nochmal;)

Autorinnenprofil

Daniella Domokos hat gerade ihr erstes juristisches Staatsexamen absolviert. Daneben ist sie Freie Journalistin | Eigentümerin allaboutlegaltech.de | Women of Legal Tech 2018, Finalistin Digital Female Leader Award 2018

Menü schließen