Julia Collard & Sven Schnitzler
Meine Karriere(n) – Sven

Meine Karriere(n) – Sven

Was bedeutet Karriere für mich?

Welche Beziehung habe ich zu diesem doch stark extern und gesellschaftlich geprägten Begriff?

Ich muss gestehen: bis 2010 habe ich alle beruflichen Schritte nur nach der „Karriereleiter“ gerichtet. Es konnte nicht schnell genug nach oben gehen. Habe einst Freunde und Kollegen abgehängt ohne Reue und ohne einmal zurück zu schauen!

Bis 2010… Seitdem ist mir Karriere nicht mehr wirklich wichtig  – oder eher: ich habe mir meine eigene Definition von Karriere ermöglicht. Ich strebe nach wie vor nach Erfolg, aber längst nicht mehr im Sinn von Geld, Position oder Macht. Vielmehr Erfolg und Respekt im Job durch umgesetzte Projekte, Veränderungen oder Entwicklung. Erfolg und Respekt als Ehemann, Vater und Sohn in meiner eigenen Familie. Erfolg und Respekt bei Freunden als Verstärker, Zuhörer und Begleiter.

Aber es war tatsächlich damals ganz anders?

Damals – klingt wie vor 100 Jahren, dabei ist es gerade mal 9 Jahre her.

Was ist passiert?

Ich hatte einen Karriereplan. Einen absolut fixen und fokussierten Weg in einem Bereich, der kein „entweder/oder“ zulässt. Die ersten Gehversuche im Berufsleben habe ich in der Gastronomie versucht als Koch.

Versucht? Ich war sehr erfolgreich. Koch ist nicht gleich Koch, daher war auch für von Anfang an klar: nur die bestmöglichen Stellen anzutreten und je gehobener die Gastronomie, desto besser.

Ja und dort wird man arrogant, weil man lernt etwas Besseres zu sein als die „normalen“ Köche oder die „Kantinenbeamten“ wie sie damals hießen. Jede neue Station, die ich antrat, war eine Stufe höher auf der Karriereleiter und dies hat man auch immer von allen Seiten bestätigt bekommen. Man bleibt nur so lange auf einer Station, bis die nächste Stufe erreichbar scheint. Genauso lange ist man auch ein Team (und das zu 100 %) – danach: nächste Station, neues Team. Das System funktioniert, weil das Spiel klar ist. Kommunikation ist nicht die Stärke in der Gastronomie, wohl aber die unausgesprochenen, unumstößlichen Regeln.

Als ich dann auch noch eine Stufe übersprungen habe und direkt höher eingestellt wurde –  alles meiner Leistung und meinem Ehrgeiz zu verdanken – konnten mein Stolz und meine Arroganz nicht größer sein. Meine letzte Stelle vor meiner Berufsunfähigkeit war die des stellvertretenden Küchenchefs eines sehr bekannten Koches.

Karriere – aber hallo!

Wertschätzung, flexible Arbeitszeiten, Work Life Balance??? Ich hätte die größten Lacher schlechthin geerntet und mein Lehrmeister, von dem ich – auch wenn er nach heutigem Ermessen die vermutlich unfähigste Führungskraft überhaupt war – immens viel gelernt habe, hätte mich keines Blickes mehr gewürdigt.

Es wäre das Karriereende gewesen ohne Diskussion, Fehlerkultur und Feedbackburger.

In der Gastronomie gibt das System den Takt vor – nicht der Mensch. Das Lob des Küchenchefs ist rar und doch lechzt man nach genau diesem Ritterschlag.

Schneller – höher – weiter.

Anerkennung – Ruhm – Sterne.

Das war der Takt meiner Arbeit, meiner Berufung – mit einer steilen Karriere.

Unfall – Berufsunfähigkeit – Cut  – Karriereende.

Eins war in meiner Definition unmissverständlich: Es gibt DIE Karriere – es gibt das Wort aber nicht im Plural. Man macht nicht KarriereN. Man beendet nicht die eine und macht die nächste. Ich weiß, dass das eine sehr absolute Meinung ist – aber genau so bin ich.

„Erfolg ist kein Glück, sondern nur das Ergebnis aus Blut, Schweiß und Tränen“ ist ein Teil eines Refrains von einem aktuell sehr erfolgreichen Rapper. Ich persönlich kann mich damit total gut identifizieren. Hätte ich damals aufgegeben und ja, es gab genug Tage, die genau danach aussahen, dann stünde ich aber nicht da, wo ich jetzt bin.

Im Jetzt

Denn wir leben wir nicht mehr im Jahr 2010, sondern schreiben schon das Jahr 2019. Ich leite die Vertriebs- und Marketingabteilung einer privaten Hochschule. Habe mich zudem auch noch selbständig gemacht. Das erste was ich höre, wenn ich meine Geschichte andeute ist: „Wow, was für eine (ungewöhnliche) Karriere.“ Nur diesmal ist alles anders, zumindest für mich! Sie war so nicht geplant, nicht von mir gesteuert und ist doch mein Verdienst, meine neue Seite und mein weiterer Weg auf der Karriereleiter. Da steht nun eben nicht mehr nur eine Leiter, sondern mehrere nebeneinander, auf denen ich kreativ und mit ganz neuen Erfahrungen unterwegs bin. Da darf jetzt auch mal Pause auf einer Stufe sein oder eine Stufe noch nicht ganz trittsicher – dafür gehen mehr Menschen mit. Und mag sein, dass der eine oder andere Moment auch glücklich war, aber in den Schoß fällt einem nach so einem Bruch eher wenig – nicht zuletzt, weil man es anfangs auch kaum zulässt. Erfahrung prägt nachhaltig.  

Was bedeutet also Karriere nun für mich?

Ich kann es gar nicht richtig beantworten! Ich weiß, ich habe nun mehrere Menschen gefragt, ob ich Karriere gemacht habe. Alle haben mich verwundert angeschaut und mir eindeutig zu verstehen gegeben, dass ich natürlich Karriere gemacht habe und das nun zum zweiten Mal. Das aber für mich selbst zu akzeptieren, anzunehmen und positiv zu bewerten – das fällt mir schwer.

Wenn Karriere also bedeutet nicht nur egoistisch für sich das Beste im Job zu nehmen, sondern nach links und rechts auf seine Mitmenschen zu schauen und diesen auch Erfolg gönnen, dann bedeutet das Wort Karriere wieder etwas für mich. Klick um zu Tweeten

So viele Diskussionen drehen sich aktuell darum, dass man erst mit zunehmender Erfahrung den Sinn der Arbeit verstehen und danach streben würde. Könnte ich jetzt ganz trendig behaupten – ist aber nicht so. Für mich hatten 16 Stunden Tage in der Küche absolut Sinn. Und auch der herrische Küchenton, die Demütigungen und dann wieder die kreativen Erfolge machten Sinn. Viel mehr Sinn als es für mich zu Beginn meiner Umschulung die 7,5 Stunden Tage im Büro ergaben (die man auch mal künstlich verlängerte für eine Überstunde…).

Karriere und Kulturwandel bedeuten für mich aber auch, dass es gut ist, verschiedene Wege zu kennen. Wie soll die Generation Z Orientierung finden, wenn es nicht Erfahrung mit verschiedenen Systemen gibt? Ja, die Absolventin und der Lehrling bringen neue Impulse ins Team, aber sie revolutionieren nicht im Alleingang. Und sie wollen erstaunlich oft immer noch sehr klassisch Karriere machen – wenn auch mit 4 Tage Woche.

NewWork ist eine Facette des Arbeitslebens.

Der Respekt den ich in der Gastronomie gelernt habe – Respekt vor Leistung, vor Einsatz und vor Erfahrung – den schätze ich aber nach wie vor. In vielen Führungsdiskussionen werden nämlich unterschiedlichste Aspekte des Verhaltens von Führungskräften diffus vermischt. Die Führungskraft, die sich profiliert durch Druck, verursacht Angst. Die Führungskraft, die sich etabliert durch Wissen, schürt Respekt und Achtung. Die Grenzen sind fließend. Der Umgangston je nach Branche extrem unterschiedlich.

Respekt tut Organisationen gut. Angst nicht. Klick um zu Tweeten

Ein Bällebad in der Küche – unvorstellbar unmöglich!!

Die Erfahrung für künftige Projekte, die ich gewonnen habe und weitergeben kann – unvorstellbar bereichernd!!

Details zu meinem Quereinstieg, der für mich heute genau die Chance bietet aus der Kombination aus zwei Arbeitswelten (in Old und New Work mag ich sie nicht unterteilen) findet Ihr hier im Blog.

Und hier Julias Story – sonst wäre es nicht Doppel[t]spitze.

Und während ich das hier so schreibe:

könnte auch noch Stoff für ein ganzes Buch sein, oder? Zwischen den beiden Welten gibt es nämlich noch eine ganze Menge mehr an Erfahrungen und Stories, auch wenn man keinen klassischen Karriereweg durchläuft.

Oder eben dann erst recht.

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