Julia Collard & Sven Schnitzler
Elternzeit: selbstverständlich! Und dann dies: ElternUNzeit?

Elternzeit: selbstverständlich! Und dann dies: ElternUNzeit?

Familienzeit

Zu Beginn meiner Elternzeit haben wir als Doppel[t]spitze überlegt, dass es doch ein guter Anlass sei, dies einen Monat lang mit spontanen Tweets zu begleiten. Denn Elternzeit geht ja irgendwie jeden von uns an – als Mutter, Vater, Arbeitnehmer, Arbeitgeber. Wir dachten an lustige, emotionale, aufregende aber auch an ganz kleine Momente. An neue Erkenntnisse, viel Zeit und an Impulse für die Zeit danach. An alles Mögliche.

Immer vorausgesetzt haben wir, dass Elternzeit – und speziell die 2 Monate Väterzeit – ja inzwischen zum „Standardprogramm“ des HR-Instrumentariums und einer Work-Life-Balance gehören und zum Selbstverständnis eines Sozialstaats.

Viele Reaktionen haben uns gezeigt, dass das auch so ist.

Eine allerdings, dass es leider auch immer noch ganz anders laufen kann… Sogar so anders, dass wir die folgende „Doku“ anonym wiedergeben.

Wir danken herzlich für alle Impulse in diesem Monat, wissen aber nun – neben dem festen Willen, dass Familie und Beruf vereinbar sein müssen – auch, dass wir an dem Thema dran bleiben.

Für alle, bei denen eine gute Kommunikation und Lösungsorientierung im Unternehmen bezüglich der wichtigen (Lebens-)Themen rund um Elternzeit, Pflegezeit und letztlich selbstorganisiertes Arbeiten noch lange nicht selbstverständlich sind.

Work-Life-IMbalance: Wertschätzung – Elternzeit – Kündigung

Wie alles begann

Ich arbeitete 7 Jahre als Administrator in einer Unternehmensberatung. Wie in solchen Unternehmen üblich arbeitete ich zu Beginn im 1st Level Support und löste alle anfallenden Windows Probleme. Der Wechsel in den 2nd Level Support folgte nach einiger Zeit. Tief in mir spürte ich, dass mich meine Aufgaben nicht ausfüllten. Ich befasste mich somit immer mehr mit dem Thema Linux und E-Commerce.

 Eines Tages wurde ich auf eine Stellenanzeige in der Tageszeitung aufmerksam. Da war sie also. Die eine Stelle, die ich wirklich gerne machen würde!! Die Anforderungen konnte ich weitestgehend abdecken. Mit den Themen hatte ich mich intensiv befasst. Im gleichen Moment bekam ich Bauchschmerzen. “Intensiv befasst ist eben nicht täglich live administriert…”, ging mir durch den Kopf. Und jetzt „ganz vorne an die E-Commerce Front”, wo jeder Ausfall sofort bemerkt wird und enorm Geld kostet – Puh, da sah ich meine Chancen mit meinem Selbstvertrauen davonlaufen.

 Ich schickte meine Bewerbung und wurde tatsächlich eingeladen. Kurze Zeit später trat ich meine neue Stelle als “Linux Administrator” an. Meine Komfortzone als “Windows Administrator” verließ ich nun. Die ersten Wochen im neuen Job waren sehr anstrengend und haben mich extrem gefordert. Viele Abende und Nächte habe ich damit verbracht mir das fehlende Fachwissen anzueignen. Erfolge und Niederlagen wurden sofort sichtbar.

Der Aufstieg

Ich kam aus einer 5000köpfigen Unternehmensberatung mit einer riesigen IT Abteilung, in der ich als kleines Zahnrad beschäftigt war. Plötzlich arbeitete ich in einem 12köpfigen Unternehmen in dem 6 der besten Java Entwickler arbeiteten. Als erster und einziger Administrator fühlte ich mich in vielen Meetings fachlich unterlegen und hatte meine Zweifel, ob ich in diesem Team wirklich einen Mehrwert leisten kann. Nach einiger Zeit hatte ich die fachlichen Defizite aufgeholt und konnte durch meine Ideen genau diesen Mehrwert liefern. Nachdem die Entwickler sich nun auf ihre Kernkompetenz konzentrieren konnten, kümmerte ich mich um den stabilen Betrieb. Das komplette Geschäft entwickelte sich in einem rasanten Tempo.

Nach meinem ersten Jahr im Unternehmen konnte mir der CTO gedanklich nicht mehr folgen. Wir teilten uns nun also die CTO-Position und jeder kümmerte sich um seinen Bereich. Er kümmerte sich um die Softwareentwicklung und ich kümmerte mich um den Betrieb und Ausbau der Infrastruktur. Allerdings fehlte es an Manpower. Nach einiger Zeit fanden wir weitere geeignete Kandidaten. Meine Aufgabe bestand nun darin das 5köpfige Team zu führen. Die Infrastruktur wurde innerhalb von 2 Jahren umgebaut und wurde elastisch sowie schnell skalierbar. Innerhalb von 2 Jahren steigerten wir den Umsatz auf mehrere hundert Millionen Euro!

Nach ca. 4 Jahren kam dann der große Tag. Die Firma wurde an unseren Konkurrenten verkauft. Die Stimmung im Unternehmen kippte schlagartig. Die Motivation war ebenfalls weg. Was blieb war das Vertrauen in unseren Chef. Wer würde ein unverschämtes Angebot der Konkurrenz abschlagen? Vermutlich nur die wenigsten Menschen. Es kam wie es kommen musste und mir wurde mitgeteilt, dass ich mich besser schnell auf die Suche nach einem neuen Job machen sollte. Ich verließ das Unternehmen.

Der Neuanfang

Nach einem Jahr Wettbewerbsverbot kaufte mein Ex-Chef den Kernbereich des filetierten Unternehmens wieder zurück. Recht bald kam der Anruf meines Ex-Chefs. Wir tauschten Nettigkeiten aus, er gratulierte mir zum bald anstehenden Nachwuchs. Voller Elan wollten wir den hinterlassenen Scherbenhaufen zusammenkehren. Wir freuten uns auf meinen “zweiten ersten Tag” im Unternehmen.

Das erste Kind

Zurück in der Firma verkündete ich bald meine Elternzeit. Ich versuchte unseren Chef zu erreichen. Er reiste zu dieser Zeit verstärkt und es wurde schwieriger ihn zu erreichen. Zurück von seinen Reisen teilte ich ihm meine Entscheidung zur Elternzeit mit. Gerade noch rechtzeitig vor der 7 Wochen Frist.

Nach zwei Monaten Elternzeit spürte ich, dass sich etwas verändert hatte. Unser Chef ließ sich nur noch sehr selten in der Firma sehen. Einer meiner Kollegen übernahm nun die Führungsaufgaben. Meine Arbeitsergebnisse – und die der Kollegen – stellte er grundsätzlich in Frage. Dies sorgte bei vielen Kollegen für Unmut, da er tagelange Arbeit zunichtemachte ohne selbst dafür qualifiziert zu sein. Viele unternehmenskritische Entscheidungen entschied er im Alleingang.

Die Systemanforderungen des neuen Rechenzentrums kalkulierte ich – wie gewohnt – knapp, um Geld zu sparen. Dieses Erfolgsrezept funktionierte ja in der Vergangenheit sehr gut. Er sah sich meine Empfehlungen für 10 Sekunden an und begann damit Positionen zu streichen, um weitere 50% einzusparen. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass dies unvernünftig sei und ich so nicht hinter diesem Konzept stehen könne. Da platzte ihm der Kragen mit den Worten: “Ich sage dir eins: Für die Scheiße mit deiner Elternzeit hätten wir dich gefeuert. Ich habe mich für dich eingesetzt. Du kannst mir glauben, dass du sonst deine Sachen hättest packen können, mein Freund!”

Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich zukünftig vorsichtiger werden musste. Der Umgangston gegenüber dem Team verschärfte sich weiter. Die Firma spaltete sich in zwei Lager. Kollegen wurden „Bedienstete” genannt. Alle Kollegen um mich herum schalteten in den „Das geht mich nichts an. Ich mache nur meine Arbeit”-Modus.

Adieu Verantwortung

Ich bekam von unserem Chef eine Aufgabe die, so wörtlich, „die höchste Priorität habe und dafür alles liegen bleibe, ganz gleich was es sei!” Das passte natürlich nicht in die Welt meines selbsternannten Vorgesetzten. Er lieferte unserem Chef Falschinformationen und versuchte mir das Leben schwer zu machen. Ich musste mich hierfür rechtfertigen. Das Vertrauen war endgültig weg. Das neue Projekt kam nicht wie gewohnt voran. Daraufhin schrieb unser Chef eine E-Mail an alle Mitarbeiter. Milde ausgedrückt ärgerte er sich darüber, dass Verantwortung verschoben wurde und kein Erfolg eintrat. Ein halbes Jahr später wurde das Projekt eingestellt.

Das zweite Kind

Nach drei Jahren war es soweit und unser zweites Kind war unterwegs. Freudig informierte ich meine Kollegen über den voraussichtlichen Geburtstermin. Um den voraussichtlichen Geburtstermin “beantragte” (ja, Urlaub musst mittlerweile genehmigt werden!) drei Wochen Urlaub.

Probleme treten – wie immer – zum unpassendsten Zeitpunkt auf. So kam es, dass die 50% Einsparung des Rechenzentrums-Projekt sich nun rächten. Es kam zu massiven Störungen und hohen Ausfallzeiten. Bis zum voraussichtlichen Geburtstermin war noch etwas Zeit. Wir verständigten uns darauf den Urlaub einfach bis zum Geburtstermin zu verschieben.

Am Tage der Geburt informierte ich meinen selbsternannten Vorgesetzten. Er wünschte mir einen schönen Urlaub und alles Gute. Während des Urlaubs erhielt ich einen weiteren Anruf von ihm. Höfliche Floskeln wurden getauscht bevor es zum eigentlichen Anliegen überging. Er wies mich darauf hin, dass mit der „Verschiebung des Urlaubs” eigentlich das „Kürzen des Urlaubs” gemeint war und ich trotzdem am geplanten Tag zurück sein müsse.

Verärgert suchte ich den Kontakt zu unserem Chef um eine Einigung zu erzielen. Er teilte mir mit die mit meinem „Vorgesetzten” zu klären. Nun war die Zuständigkeit endgültig und offiziell geklärt. Ich ärgerte mich, dass ich die „Verschiebung des Urlaubs” mir nicht schriftlich hatte bestätigen lassen und ging, wie befohlen, wieder völlig demotiviert arbeiten.

Ungefähr acht Monate nach der Geburt war so weit. Pflichtbewusst teilte ich meinem Vorgesetzten innerhalb der „sieben Wochen Frist“ den Beginn meiner Elternzeit mit. Für ihn kam das überraschend. Er wiederholte dezent: „Das gibt einen riesengroßen Stress. Beim letzten Mal hielt ich dir den Rücken frei. Das wäre sonst alles ganz anders gekommen.” Das Rasseln der Säbel war kaum zu überhören. An meinem letzten Arbeitstag vor der Elternzeit verabschiedete ich mich von meinem Vorgesetzten. Er ignorierte mich und starrte kommentarlos auf seinen Monitor.

Die Kündigung

Während meiner Elternzeit kam eine Firma auf mich zu und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Aus Erfahrung wusste ich, dass spezialisierte IT Mitarbeiter sehr schwer zu finden sind. Die Chemie stimmte einfach und das Aufgabengebiet würde eine tolle neue Erfahrung für mich werden. Innerhalb kürzester Zeit kam der Arbeitsvertrag per Post.

Noch während der Elternzeit besuchte ich meinen Vorgesetzten am Arbeitsplatz. Ich informierte ihn über meine Entscheidung, das Unternehmen zu verlassen und übergab ihm meine schriftliche Kündigung. Sein Interesse hielt sich in Grenzen und er teilte mir mit: “Ich habe im Moment keine Zeit und Wichtigeres zu tun. Lass dir das bitte von der Kollegin am Empfang quittieren.”

Nun ist die Elternzeit vorbei. Bin zum endgültigen Kündigungstermin werde ich meine Aufgaben pflichtbewusst erfüllen. Mein Chef hat bisher kein Wort mit mir gewechselt.

Abschließend kann ich nur sagen: Ich freue mich auf meine neue Stelle.

Und wir wünschen Dir so viel Erfolg!

Und vor allem immer genug Familienzeit. Für die offenen Worte herzlichen Dank. Bewirken können wir nur etwas über Kommunikation und gemeinsames Handeln! Nicht nur in Bezug auf Elternzeit, sondern ganz nebenbei allgemein zu den Themen Führung, Wertschätzung und Motivation. Alles sehr vernetzte Themen – nicht nur im HR.

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