Julia Collard & Sven Schnitzler
Digitalisierung ist „was mit Menschen“

Digitalisierung ist „was mit Menschen“

Digi Abend EUFH – einfach mal machen

Einfach mal machen – das war das Motto des ersten Themenabends der EUFH-Business School und das Thema war dank der Managementtrends Digitalisierung & New Work schnell gefunden. Mit 5 Alumni verschiedenster Studien- und Jahrgänge der EUFH ging es damit in einen Abend, der irgendwo zwischen Podiumsdiskussion, Workshop und Barcamp angesiedelt war.

@Rapahel Wischnewsky/ Agheera

Herr Wischnesky ist Geschäftsführer der Agheera GmbH, einem Corporate Spin-off von Deutsche Post DHL und beschäftigt sich hier mit dem Realtime Tracking und Bedeutung von Identifikationstechnologien und Sensorik im Supply Chain Management. Was sich jetzt absolut modern und erfolgreich anhört, sah nach Abschluss des Logistikstudiums erst einmal gar nicht so rosig aus. Denn er ist quasi einer der ersten Stunde bei Agheera – und das wäre auch fast schon mal die letzte Stunde gewesen. Ein Spin-off aus einem Konzern, eine Idee, rasantes Wachstum und nicht genug Business Planning – damit wäre die „geile Scheiße“ auch fast schon wieder vorbei gewesen. Wischnewsky und „seine“ Agheera haben es überstanden.

Allerdings gibt er zu: die Versagenskultur in deutschen Konzernen ist in dem Fall gnädig gewesen, aber weit von einer Selbstverständlichkeit entfernt. Solche Projekte fährt man in Deutschland nicht ein zweites Mal knapp bis vor die Wand. Heute lebt er genau von solchen Erfahrungen, gibt sie an sein Team, das immer auch aus Studierenden besteht weiter und sagt selbst: „I am both proud and happy be part of a team that is made of people from so different backgrounds but such a joint spirit. I strongly believe that our services will change the logistics world!“

@Kevin Merken/Eversports

Nach dem Studium hieß es für Kevin Merken erst einmal gar nicht Durchstarten Richtung Karriere sondern Auszeit in Australien – wie bei so vielen: ins Studium gestolpert, weil man gar nicht so genau wusste, was man will, kam bei ihm die Phase der Orientierung danach. Und auch die führte nicht zu der einen zündenden Idee und dem graden Weg zum Bewerbungsschreiben sondern, zurück in Deutschland, zu der Erkenntnis, dass es persönliche Bedürfnisse gibt, die nicht immer durch die passende Dienstleistung bedient werden.

In Merkens Fall: Organisation seiner Freizeit, Organisation von Sport. Für ihn war damit der Weg Richtung Startup einer, der sich aus genau einem solchen Bedarf ergab und für den er ein paar Mitstreiter, Mut, Kommunikationsstärke und Enthusiasmus mitbrachte. “everytime. everywhere. eversports. Buche Deinen Sport einfach online“. Das ist heute sein Ding. Und als Gründer hat er nach wie vor Visionen. Für eversports keine geringere als die, das „Booking.com“ des Sports zu werden. Und wenn man ihn mit Begeisterung von Meetings, Plänen, dem Team und den Ideen erzählen hört und sieht, nimmt man ihm auch kein bisschen weniger als das ab!

@Christian Fahl/ Rewe Digital

Auch für Christian Fahl gab es nach dem Studium nicht den einen Plan Richtung Karriere. Die erste Position nach dem Studium im Handel reizte eher wegen des Firmennamens als der Aufgabe wegen – umso erstaunlicher für ihn selbst, dass er – trotz fehlenden technischen Backgrounds eine Position in genau diesem Bereich ergatterte. Und ab da zog sich eines als roter Faden durch seinen Karriere: um im digitalen Sektor Fuß zu fassen und weiter zu kommen, muss man absolut kein klassischer ITler sein. Ein Smartphone hatte jeder von uns schon mal in der Hand – und vielmehr ist auch nicht nötig.

Alle weiteren Schritte kann man lernen oder durch gute und offene Kommunikation erfragen. Klar, den ein oder anderen Softwareentwickler braucht es für innovative IT Projekte auf jeden Fall – das sollte aber diejenigen, die nicht über die vollständige Wissenspalette verfügen nicht von einer Karriere in der digitalen Welt abhalten. Als Product Owner leitet Fahl heute verschiedenste Projekte, die die Rewe fit für die digitale Zukunft machen. Hierbei arbeitet er in einem absolut agilen Umfeld, in dem der klassische PC und das Festnetztelefon der Vergangenheit angehören und Methoden wie SCRUM und agiles PM zum Alltag. So sieht er auch seine Führungsposition. Er ist Moderator und Coach seines Teams, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und die Offenheit für Neues ist für alle Kollegen selbstverständlich. Kein Tag ist wie der andere – was ihm Anfangs schaflose Nächte bereitet hat, macht heute den Reiz des Jobs aus.

@Daniel Seybold/ TeleOrbit GmbH

Als Geschäftsführer der TeleOrbit GmbH hat sich Daniel Seybold sicher nicht gesehen, als er sein Studium im Finanzbereich abgeschlossen hat. Eher im Bereich Investment, Banking, zischen Aktien, Anlagen und der ersten Million. Dass es ganz anders kam, ist letztlich auch irgendwie der Digitalisierung zu verdanken. Und dem Wandel, der es nötig machte, dass sich der Familienbetrieb einem völlig neuen Geschäftsfeld zugewendet hat. Genau für diesen Bereich – Business Development – ist Seybold heute verantwortlich. Und dies im Hochtechnologiesektor der Satellitennavigation (GNSS) als Herstellungs- und Vermarktungsgesellschaft für leistungsfähige GNSS-Technologien und mobile Ortungstechnologien.

Dabei gilt auch für ihn: er muss nicht jedes der Projekte seiner Techniker und Informatiker bis ins letzte Detail verstehen – aber er muss Trends erkennen, am Ball bleiben, neue Projekte initiieren und – auch das ist in alle der Schnelllebigkeit wichtig – darauf achten, dass nicht immer kreativ weiterentwickelt wird, sondern auch ein Projekt zur Marktreife gebracht wird. Denn dafür ist er der Manager: Prozesse steuern und operationalisieren. Digitalisierung ist dabei eine begleitende Selbstverständlichkeit, ohne die es seinen Job nicht geben würde – also kann er davor naturgemäß auch keine Angst haben.

@ Denis Niezgoda/ DHL Innovation Center

DHL macht das, was sich Konzerne leisten können: Es hat seinen eigenen Think Tank. Das DHL Innovation Center steht schon seit Jahren für den Inkubator der DHL, in dem Teams Innovation vorantreibe, Start Up bleiben, agile Methoden anwenden und marktfähige Prozesse in den Konzern zurückspielen. Damit ist das Innovation Center von sich aus agil und in ständigem Wandel. Immer wieder neue Teams und Aufgaben treiben digitale Projekte voran. Für den Bereich der Robotik sieht das ein wenig anders aus. Aufgrund der Relevanz für die DHL hat man sich hier entscheiden, dieses nicht ab einem bestimmten Entwicklungszeitpunkt in die Divisionen des Konzerns zurückzuspielen, sondern als Projekt im Innovation Center zu belassen. Genau diesen „robotics accelerator“ leitet Denis Nieszgoda. Sein internationales Team ist weltweit verstreut, somit ist Kommunikation für ihn essentiell – mit agilen Methoden und Tools wie Slack und Trello.

Auch wenn er nach seinem Logistikstudium noch einen Master im Ingenieurbereich draufgesetzt hat – wichtig sind auch in seinem Team vor allem soziale Kompetenzen. Digitalisierung treibt man nur mit Menschen voran. Für die nächsten 30 Jahre sieht er seinen Arbeitsplatz in der Robotik nicht nur deswegen als ungefährdet an, weil er an einem hochaktuellen Projekt arbeitet, sondern auch, weil die Menschen, die hier arbeiten, der Technik weit überlegen sind. Und das wird auch noch lange so bleiben. Technik unterstützt und macht Prozesse schneller, sie ersetzt aber nur Standardarbeiten. Nicht dass er selbst an eine 30jährige Konzernkarriere glaubt – auch das passt nicht zu seinem agilen Mindset.

Lessons learned

Obwohl die Speaker aus den unterschiedlichsten Bereichen kamen, waren die wichtigsten 5 Learnings des Abends absolut deckungsgleich:

– Agiles Mindset: In den Teams unserer Speaker geht es nicht um Digitalexperten, um Nerds, um High Potentials – es geht um Menschen, die eine Meinung haben, der Zukunft offen gegenüberstehen, Ideen einbringen, Kritik akzeptieren und beweglich sind. Stellenanzeigen werden kürzer, weil nicht Qualifikationen, sondern Individuen gesucht werden.

– Lebenslanges Lernen: Alle Redner waren sich einig: sie hatten nach dem ersten Abschluss keinen weiteren Lernplan. Aber sie haben nicht einen Tag aufgehört zu lernen. Weil es intrinsisch motoviert ist, Sinn und Spaß macht. Aber auch, weil es notwendig ist. Dauerhaft. Lernen ist Teil des Jobs – unabhängig von Ort und Zeit.

– Kommunikationsfähigkeit & Führungsstil: Leader kommunizieren, motivieren, setzen Anreize und sind absolut nicht allwissend. Sie erarbeiten Lösungen im Team, fragen ihre Experten, nehmen Kritik ernst und entwickeln sich weiter. Natürlich müssen sie auch mal Entscheidungen treffen. Aber nicht als Chefinstanz, sondern als Teamleader, der dies durch die Leistungen und den Support des Teams ist.

– Fehlerkultur: es läuft nicht alles rund. Das müssen Unternehmenskulturen zulassen und akzeptieren, um sich zu entwickeln. Für manche Unternehmen bedeutet dies, in Innovation viel Geld zu investieren, um Innovationen überhaupt zuzulassen und dann zur Marktreife zu bringen. Für Startups bedeutet es, auch mal mit einem Projekt – vielleicht sogar einer Gründung – zu scheitern. Und es dann wieder zu versuchen und besser zu machen. Für das Umfeld letztlich bedeutet es, daraus mitzulernen und die nächsten Schritte gemeinsam weiter zu gehen.

– Technikaffinität ist nicht gleich IT Background: Jeder uns nachfolgende Mitarbeiter wird mit Technik vertrauter sein als wir selbst – das macht Digitalisierung selbstverständlicher. Irgendwann wird der Begriff verschwunden sein – die REWE wird digital sein und sich keinen extra „Digitalzweig“ leisten müssen. Analog gilt das für die gesamte Wirtschaft. Und dazu tragen alle bei, die Alexa bitten, Klopapier auf die Einkaufsliste zu setzen, Musik streamen, online einkaufen, das Navi einschalten und per Whatsapp selbst die Großeltern zum Geburtstag einladen.

Digitalisierung ist keine Zukunftsmusik. Und tut nicht weh.

Wir sind digital.

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