Julia Collard & Sven Schnitzler
Die schöne (soziale) Welt des Internets

Die schöne (soziale) Welt des Internets

#13 Gastbeitrag von Michael Schenkel

„Multimedia – dargestellt am dezentralisierten Unternehmensplanspiel INSIM 4 Plus“ lautete 1995 der Titel meiner Diplomarbeit. Multimedia? Unternehmensplanspiel? Diese Begriffe klingen heute wie aus der Zeit gefallen. Multimedia war seinerzeit ein Begriff, der den Einsatz unterschiedlicher Medien auch bei standortübergreifender Kommunikation kennzeichnete.

2018 gibt es dies natürlich millionenfach – in Form von Social Media, Apps, Videos, Chats etc. Gerne möchte ich Sie mit auf einen kleinen Streifzug nehmen und einen Blick auf Multimedia und die schöne Welt des Internets werfen. Haben Sie Lust?

Wo liegt der Sinn von Social Media?

„Du snappst Bilder.“

„Was mache ich?“

„Du stellst Freunden für einige Sekunden ein Bild online zur Verfügung. Dann verschwindet es wieder.“

„Warum sollte ich das machen?“

Vor einigen Wochen erklärte mir die 12-jährige Tochter einer Freundin, was der Sinn von „Snapchat“ sei. Ehrlich gesagt: ich habe es nicht verstanden. Ich hatte zwar schon 1984 meinen ersten eigenen Rechner und in den letzten 34 Jahren das eine oder andere kommen und gehen sehen, aber im Laufe der Zeit habe ich für mich festgestellt, dass ich nicht mehr alles haben will und nicht mehr alles mitmachen muss. Das heißt natürlich nicht, dass Snapchat vielen Menschen Spaß machen und Bedürfnisse befriedigen kann. Nur halt nicht meine.

Es gibt einige andere Soziale Medien, mit denen ich deutlich mehr Berührungspunkte habe. Die Business Netzwerke XING oder LinkedIn beispielsweise. Oder Twitter. Twitter habe ich beruflich viele Jahre ignoriert, aber in den letzten 12 Monaten durfte ich über die Plattform viele nette Menschen und Organisationen kennenlernen. Mit einigen von ihnen habe ich telefoniert und mit manchen konnte ich mich sogar live und in Farbe treffen. Das hatte ich nie erwartet. Nichtsdestotrotz gibt es auch bei Twitter immer wieder Aspekte, die mich zum Schmunzeln bringen. So geben Menschen bspw. die wöchentliche Reichweite ihrer Tweets an. Oder sie stellen die Verteilung der Retweets per Landkarte dar. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht gibt es Länderpunkte in einer imaginären Länderpunktenrangliste? Vielleicht ist es eine Vermarktungsstrategie auf dem Weg zum bezahlten Influencer?



Neben solchen Spielereien haben aber tatsächlich viele Organisationen noch nicht verstanden, für was „Social“ in Social Media steht. Social Media ist etwas anderes als ein Fernseher. Es geht nicht um Senden, Senden oder Senden. Reichweite ist zwar im Sinne der Vermarktung interessant, es nutzt allerdings wenig, tausende Follower zu haben, wenn der Kanal nur unidirektional als One-Way-Street genutzt wird. Social Media lebt von Interaktion. Von Austausch. Von Meinungen, Fragen und Antworten. Manchmal in 280 Zeichen, manchmal mit Snapchats.

Die erste Interaktion mit dem Anwender

Was passiert in vielen Apps, wenn Sie diese auf Ihrem Smartphone oder Ihrem Tablet-PC starten? Eine ganzseitige Anzeige erscheint. Und mit etwas Verzögerung – manchmal auch versteckt – die Option, diese wegzuklicken. Für die Betreiber einer App mag Werbung eine gute Einnahmequelle und Refinanzierungsmöglichkeit darstellen, aber wie geht es dem Anwender damit?

Haben Sie sich als App-Nutzer jemals über eine solche Anzeige gefreut? Hat Ihnen schon einmal eine Freundin oder ein Kollege von einer Anzeige erzählt, die sie oder ihn nach dem Start der App begeistert hat? Vermutlich nicht sehr häufig. Die meisten Anwender lassen Werbung über sich ergehen, sie ignorieren sie und nach 2 Sekunden ist sie bereits wieder vergessen. Manche Anwender ärgern sich und einige Wenige deinstallieren die App vielleicht sogar. So oder so sind jubelnde, begeisterte Nutzer nicht in Sicht.

Ist es nicht merkwürdig, dass werbetreibende Unternehmen glauben, es sei in Ordnung, potentielle Kunden als erstes zu einer Aktion zu nötigen, die ihnen keinen Vorteil bietet? Der Anwender wird gezwungen sich etwas anzuschauen, was er nicht sehen möchte. Bei Apps dauert die Einblendung nur wenige Sekunden, bei vielen Online-Videos aber oftmals 15 oder gar 30 Sekunden. Sie wollen sich ein Video anschauen und werden gezwungen, eine halbe Minute zu investieren, die sie nicht investieren wollten. Wie häufig machen das Anwender mit? Einmal, zweimal, immer? Im Gegensatz zur Werbung im Fernsehen, an die sich die allermeisten Menschen gewöhnt haben und die sie aktiv als kleine Pause nutzen, sind Anwender bei Online-Videos zum Warten (oder Abbrechen) verdammt. Und was passiert, wenn dann das Video nicht das hält, was es versprochen hatte? Bei 30 Sekunden ungewollter Werbung und einem ungenügenden Video können Werbetreibende bestenfalls hoffen, dass die Anwender die Werbung bereits vergessen haben und nicht auch noch daraus bewusste Konsequenzen ziehen.

Beispiele für ungewollte Interaktionen finden sich im Internet viele. Seit dem Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) finden sich auf sehr vielen Webseiten Erläuterungen zum Umgang mit Cookies. Es soll Menschen geben, die diese Cookie-Consents tatsächlich lesen. Manche davon sind relativ lustig gehalten.

 

Bei anderen kauft man im übertragenen Sinne vielleicht auch direkt eine Waschmaschine oder schließt ein lebenslanges Abo ab.

 

Viele Webseitenbetreiber berichten, dass öffentlich zugängliche Datenschutzvereinbarungen fast nie aufgerufen werden. Das ist keine wirkliche Überraschung, denn die Mitteilung, dass eine Internetseite mit üblichen Internettechniken betrieben wird, ist nicht sonderlich interessant.

Das ist fast so, als würden Hersteller ihren Konsumenten mitteilen, dass Rauchen tödlich sein kann, dass Autofahren nicht gut für die Umwelt ist oder dass Kartoffelchips nicht zu den gesündesten Nahrungsmitteln gehören.

Popups mit Hinweisen auf Downloads oder Newsletter, eingeblendete Nachrichten beim Verlassen von Webseiten, automatisch startende Videos – die Liste mit Beispielen lässt sich leicht füllen. Zur Jahrtausendwende war es sogar üblich, dass Musik auf Webseiten automatisch abgespielt wurde.

Die wunderbare Welt der Berater

In Zeiten von Erfolgsmessung mit Click-Through-Rates und Conversion-Messung ist es schwer vorstellbar, dass Werbetreibende nicht erkennen, dass dieser Weg nur selten zum Erfolg führt. Doch glaubt man dem einen oder anderen Berater, dann haben es Unternehmen ganz einfach. Alles was sie tun müssen, ist das PDF mit den 28 absolut geheimen Tipps herunterzuladen. Jetzt. Sofort.

Ernsthaft? Glauben Sie das? Wenn Sie ein Produkt verkaufen, das 50.000 oder 100.000 Euro kostet, sollte es wirklich entscheidend sein, dass der Download eines Prospekts oder die Telefonnummer zur Auftragsübermittlung nicht auf den allerersten Blick erkennbar ist? Wann haben Sie das letzte Mal eine Investition im 5- oder 6-stelligen Bereich getätigt, ohne sich wenigstens 1 Minute, 2 Minuten oder auch 8 Wochen mit dem Thema und dem möglichen Partner auseinanderzusetzen? Wenn ein Webseitenbesucher nicht in der Lage ist, eine Scroll-Bewegung mit der Maus zu machen, wie wahrscheinlich ist es, dass er Ihnen einen Auftrag gibt?

Viele Berater leben im Internet davon, dass sie erzählen, worauf es bei erfolgreichen Webseiten ankommt. Sie stellen Sales-Funnel in den Vordergrund, sie propagieren Conversion. Das ist ziemlich cool, aber nur weil jemand bei Ihnen einen Download macht, dürfen Sie das nicht als Aufforderung verstehen, fortan mit ihm zu kommunizieren. Sie dürfen keinerlei Newsletter ohne Zustimmung verschicken. Sie dürfen ihn nicht anrufen. Was bringt also diese ach so wichtige Conversion?

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: manchmal juckt es mich in den Fingern und ich würde manche Berater gerne fragen, was sie denn mir, in meiner konkreten Situation, mit meinen konkreten Rahmenbedingungen und Herausforderungen empfehlen. Ich höre schon den Hinweis: „Sie benötigen einen Call-to-Action in Rot, denn die Farbe steht für Kraft und Mut.“ Wenn es so einfach wäre, wären alle Webseiten bereits durch und durch in Rot gehalten, oder?

Natürlich ist meine Kritik viel zu pauschal. Ein guter Berater wird mir einen A-B-Test empfehlen. Leider gibt es wenige Berater, die darauf aufmerksam machen, dass es sehr viele Besucher benötigt, bis die Ergebnisse valide sind. Bei politischen Umfragen werden 1.000 Personen gezielt befragt. Trotz aller Repräsentativität stimmen die Vorhersagen aber immer häufiger nicht mit dem konkreten Wahlergebnis überein. Das kann natürlich viele Gründe haben, aber übertragen auf Ihre Website bedeutet es, dass Sie mindestens eine vergleichbare Größe an Besuchern haben müssen, die einen Klick ausführen. Wie lange dauert es wohl für mittelständige oder gar kleine Unternehmen, bis diese Anzahl von Besuchern auf einer konkreten Webseite ankommt und dann die Variante A oder die Variante B anklickt? Und jetzt kommt’s: Variante A mit dem roten Downloadbutton gewinnt den Test. Schön. Wieviel dieser klickenden Besucher beauftragen Sie nun für 50.000 oder 100.000 Euro? A-B-Tests dauern also lange und der Wert der Aussage ist bei weitem nicht so hoch wie allgemein behauptet.

Online ist nicht offline

Wissen Sie was eine Website, eine App oder ein Video tatsächlich ist? Es ist eine – manchmal sehr umfassende – Visitenkarte. Eine Argumentation für potentielle Kunden, die von Ihnen meist wenig wissen. Sie schafft – wie bei mir mit Twitter – eine Basis für einen Austausch, vielleicht sogar für ein Kennenlernen. Wie es nach dem Kennenlernen weitergeht, beeinflussen Sie im persönlichen Miteinander. Mit einer Unterhaltung, mit Vertrauen und Kompetenz. Für mich ist und bleibt das die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Der Austausch über Bedürfnisse und Möglichkeiten steht im Vordergrund.

Allerdings wäre es bestimmt lustig zu sehen, was passierte, wenn Sie vor jeder Antwort „Diese Antwort ist gesponsert von XYZ.“ sagen würden. Oder wenn Sie einfach 30 Sekunden etwas anderes machten, bevor Sie eine Antwort geben.

Vielleicht können Sie das ja mal versuchen, idealerweise sollten Sie dann aber alle Buttons auf Ihrer Webseite rot einfärben.

Autorenprofil

Michael Schenkel ist bei t2informatik als Leiter Marketing tätig. Er bloggt gerne unter https://t2informatik.de/blog/ über Projektmanagement- und Requirements Engineering Themen und verbringt jeden Tag viele Stunden im Internet.

Am liebsten trifft er sich aber auf einen Kaffee und ein leckeres Stück Kuchen – verabreden Sie sich doch einfach mit ihm unter Michael.Schenkel@t2informatik.de.

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