Julia Collard & Sven Schnitzler
Ambidextrie in der IT Beratung

Ambidextrie in der IT Beratung

“Ambiwas bitte?” dachte ich beim ersten Mal lesen dieses Blogtitelvorschlags von der lieben Doppel[t]spitze. Nach einem Blick in Wikipedia (“Beidhändigkeit, gleich ausgebildete Geschicklichkeit beider Hände”) machte auch ihr vorher schon stimmiger Arbeitstitel richtig Sinn: “warum man als Berater beide Seiten der Digitalisierung kennen sollte/ Tool & Mensch”.

Sofort kommen mir Konzepte wie das A & O (Analyse & Offenheit …) meines geschätzten Freundes Martin Gaedt in den Sinn. Bevor ich jetzt allerdings ins Philosophieren über die “goldene Mitte” und ihre Wichtigkeit komme möchte ich lieber einen Blick auf zwei Beispiel-Firmen werfen und daraus einige Schlüsse für die weitere Diskussion ziehen.

Tooljunkies Ltd.

Bei Tooljunkies Ltd. sind alle fest überzeugt davon, dass Tools die besseren Menschen sind. Maschinen machen keine Fehler und sind objektiv – eine gute Digitalisierung kann also nur gelingen, wenn die Menschheit das endlich einsieht und sich mehr nach den Tools richtet. Hier sind die echt klassischen Kellerkinder-Nerds mit Vollgas am Schrauben und Basteln der Zukunft der Menschheit.

Wenn der Kunde unbedingt möchte bekommt er auch nicht vollautomatisierte Lösungen, allerdings nur mit eingeschränktem Support. Ahli, die vollautomatisierte Support-Software (“awesome help line intelligence”) beschimpft diese unbelehrbaren Menschen mit den ihrer Meinung nach vorgestrigen Glaubenssätzen schon mal wüst (s. o.). Viele Kunden sind trotzdem happy sparen sie sich doch den ganzen menschelnden, unbequemen Quatsch, sowohl im Unternehmen als auch in der Kundenbeziehung mit dem Dienstleister.

Die Zukunft? Die bauen die Maschinen.

Die Gestalter? Die paar Menschen, die die Maschinen “bauen” können.

Soziale Gerechtigkeit? Es gibt ein standardisiertes Minimalhaus mit täglichen automatisierten Versorgungsrationen und einem Robo-Wachschutz, der dafür sorgt, dass es keine “Maschinenstürmer” gibt.

Only Mindset Ltd.

Bei Only Mindset Ltd. ist man da ganz anders unterwegs. Man ist agil, New Work ist trendy, beim Employer Branding darf man den Obstkorb nicht vergessen und ganz wichtig: Mindset, Mindset und Mindset!

Die Slack Time wurde als 2010er Hype schon längst durch Buzzword Bingo Business Hours ersetzt – ein geniales Konzept! Für jedes geschickt platzierte Buzzword bekommt der Mitarbeiter dabei einen Punkt auf sein Mindset-Konto – wahlweise einlösbar für die Teilnahme am Mindsetter of the Month-Cup oder umwandelbar in Quality Time-Flexi Hours.

Die Zusammenarbeit mit den Kunden-People ist geprägt von ganz viel Hugs und Mindset, Mindset, Mindset! Und gaaaanz viele Kunden sind soooo happy!

Die paar wenigen, die diesen genialen Spirit nicht übernehmen können sind tatsächlich so dreist und fragen, ob sie zu den tollen Arbeits- und Denkkonzepten und dem Mindset auch noch etwas Greifbares, eine nachhaltige Veränderung unterstützendes dazu bekommen könnten? Doch da hat die Company einen eisernen Grundsatz: wir beraten nur, die Lösungen und Tools müssen die Kunden finden – mit dem richtigen Mindset wird ihnen das schon gelingen, irgendwie, irgendwann…

Zwischenfazit

Zugegebenermaßen – beide Beispielfirmen sind stark überzeichnet. Ich hoffe, dass sie trotzdem oder gerade deswegen einen Eindruck hinterlassen.

Wenn wir uns die Tooljunkies Ltd. anschauen, sehen wir, dass eine nur Tool-getriebene Zukunft der Digitalisierung und Zukunft uns Menschen auf der Strecke bleiben lässt – oder zumindest den Großteil der Menschheit, die nicht mitgestaltet.

Schauen wir uns die Only Mindset Ltd. an sehen wir, dass man mit tollen Wörtern und altem Wein in neuen Schläuchen (immer noch) viele Unternehmen scheinbar glücklich machen kann – wirklich nachhaltige Veränderung erzielt man dabei allerdings nicht, weil man bei Phrasendreschenden Change-Konzepten bleibt, an deren Umsetzung der Kunde und seine Mitarbeiter dann meist scheitern. Ich möchte daher im Folgenden Argumente liefern, wie und warum Tool & Mensch bei der Digitalisierung zusammengedacht werden können und warum sich das meines Erachtens lohnt.

Ambidextrie in der IT Beratung

Warum & Wie

Wir sollten die Menschen nach dem “Warum” fragen und die Technik nach dem “Wie”. Also “Warum Digitalisierung? Warum diese Veränderung?” konstruktiv in die Runde fragen und mit den Antworten mit einem “Wie bekommen wir diese Veränderung gut umgesetzt?” auf die Technik schauen. Oftmals können wir dieses “Wie” schon direkt intelligent mit Low-Budget/Whiteboard, Stift und Empathie testen und erleben, um zum Einen schon erste Erkenntnisse zu gewinnen und zum anderen um uns schon auf die Veränderung einzustellen und schnell kontinuierliche Verbesserungen zu erzielen.

Usability & Performance + Maintenance

Bei der Umsetzung und Weiterentwicklung der Lösungen sollten wir immer die Menschen nach der Usability fragen – wie gut nutzbar ist die Lösung, integriert sie sich möglichst reibungsarm in den Arbeitsalltag und unterstützt intelligent? Dabei sollten wir technikseitig immer auf Performance und Maintenance-Kosten schauen – eine super nutzbare Lösung bringt uns nichts, wenn die Reaktionszeiten/Performance unterirdisch oder die Weiterentwicklungskosten so astronomisch sind, dass die Lösung nicht oder nicht längerfristig nachhaltig nutzbar ist.

Kommunikation & Implementierung

Kommunikation und Implementierung sollten damit Hand in Hand gehen. Kommunikation mit allen Menschen im Projekt (Link zu letztem Blogpost ;)) und dazu passende kontinuierliche, iterative Implementierung, die aufzeigt, dass alle Beteiligten/Betroffenen ernst genommen und wertgeschätzt werden und dass es um den gemeinsamen, kontinuierlichen Fortschritt geht. Nichts ist demotivierender als großartige Kommunikation mit rohrkrepierender Implementierung oder non-existente Kommunikation für bahnbrechende Arbeitsergebnisse!

Vision & Architektur + Roadmap

Die Vision sollte von und für die Menschen geprägt sein und im Einklang mit der Architektur und Roadmap der Lösung sein. Wenn wir uns eine weltweit erreichbare, flexibel skalierende Mitarbeiter-Arbeitsalltagsassistenz ausmalen, könnte eine AWS Cloud Architektur die richtige Lösung sein.

Budget & Kosten

Sind dabei noch das mit den Menschen abgestimmte, bedarfsorientierte Budget mit den Technik- und Projektkosten im Gleichgewicht und mit Vision & Architektur und Roadmap stimmig haben wir eine extrem produktivitätsfördernde gemeinsame Ausrichtung. Wir haben klar wo wir hinwollen (Vision), wir wissen wie (Architektur und Roadmap) und haben keinen Stress, sinnvolle Dinge nicht machen zu können, weil wir sie intern nicht verkauft bekommen/kein Budget im Moment des Bedarfs haben.

Verständnis & Interesse

Kommen dann noch Verständnis für Technik, Technikfragestellungen und -probleme sowie eine positive Einstellung zu Technik und Veränderung auf Menschenseite und ein starkes technikseitiges Interesse an und für die Menschen dazu sind die nächsten beiden Punkte (das Sahnehäubchen) ein No-Brainer.

Sind wir ein Team?

Im Idealfall fühlen wir uns als ein Team und leben die beschriebene Ambidextrie vor und entwickeln sie beständig weiter. Es gibt kein “Wir (IT) vs. Nutzer/Kunden” o.ä. für uns – wir können offen und mutig gemeinsam konstruktiv in die Zukunft iterieren. Kein Tauziehen mehr zwischen den verschiedenen Stakeholdern im Projekt und politische Diskussionen.

Fazit

Hast Du Feuer gefangen? Kannst Du Teile davon vielleicht sogar in Deinem Arbeitsalltag leben? Ich freue mich über Deine Kommentare und Einblicke – ich glaube fest daran, dass im Kleinen vieles besser ist als das große Gesamtbild es häufig vermuten lässt.

Für mich ist auf jeden Fall klar – weder die Tooljunkies Ltd. noch die Only Mindset Ltd. werden uns auf die Dauer zu einer für die Menschheit positiven, nachhaltigen Zukunft bringen – das müssen wir gemeinsam, Technik und Menschen, als ein Team anpacken und unsere Zukunft für uns alle gestalten. Und damit ist die Digitalisierung für mich auch ein sehr politisches Thema – wie demokratisch können und wollen wir sie gestalten, gibt es Gewinner und Verlierer und überleben am Ende der Technikmachtmonopol-Kapitalismus oder unsere gemeinsame Zukunft als Ambidextrie-Menschheit auf diesem Planeten.

Ich arbeite täglich in meinen Projekten daran, diese Vision/Ambidextrie erlebbar zu machen, durch meine Arbeitsergebnisse und -weise andere für diese Vision zu begeistern, Mensch sein zu können und echten Sinn und Wirksamkeit zu erzielen.
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